
Sie war Musikerin in Paris und London, malte in Paris, München, Rom und Spanien, besuchte am Bauhaus unter anderem Kurse von Paul Klee und gehört mit ihren Fotografien zu den wichtigsten Vertreter:innen des «Neuen Sehens».
Florence Henri (1893–1982) bewegte sich in den Zentren der europäischen Avantgarde und prägte diese insbesondere im Bereich Fotografie massgeblich mit. Vom 29. August 2026 bis 10. Januar 2027 zeigt das Zentrum Paul Klee im Rahmen der Dauerausstellung Kosmos Klee die erste Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz seit über 40 Jahren.
Florence Henris künstlerische Anfänge fallen in eine Zeit grosser politischer und gesellschaftlicher Umbrüche: Vor, während und nach den Weltkriegen suchten Künstler:innen europaweit nach neuen Ausdrucksformen, um die gesellschaftlichen Realitäten angemessen zu repräsentieren oder bewusst zu negieren. Die Akteur:innen dieser Bewegungen lebten in Metropolen wie London, Rom, Berlin, München oder Paris. Auch Florence Henri bewegte sich zwischen diesen Städten und knüpfte dabei ein dichtes Netzwerk mit Kunstschaffenden aus Musik, Literatur und Malerei.
Schon früh war Henri als Pianistin erfolgreich, aufgrund ihrer selbstkritischen Haltung wendete sie sich jedoch von der Musik ab und begann 1914 eine Ausbildung zur Malerin in Berlin und Düsseldorf. Über den Kunsthistoriker Carl Einstein kam sie in Kontakt mit Vertreter:innen der Avantgarde wie Hans Richter, Iwan Puni und László Moholy-Nagy sowie weiteren Künstler:innen des Dadaismus und Konstruktivismus. 1924 zog sie nach Paris und studierte bei André Lhote und später an der Académie Moderne bei Fernand Léger und Amédée Ozenfant. Ihre Arbeiten dieser Zeit zeigen zunächst deutlich kubistische Einflüsse. Begegnungen mit Künstler:innen wie Piet Mondrian, Sonia und Robert Delaunay, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp bewirkten jedoch eine zunehmende Geometrisierung ihres Werks.
Auch mit Paul Klee kam sie in Kontakt, als sie 1927 als Hospitantin Kurse von ihm, Moholy- Nagy, Josef Albers und Wassily Kandinsky am Bauhaus in Dessau besuchte. Da sie den meisten Mitstudierenden an Erfahrung weit voraus war, ist anzunehmen, dass sie weniger an konkreten Lehrinhalten als vielmehr an der künstlerisch aufgeladenen Atmosphäre des Bauhauses interessiert war.
«Paris macht einen unglaublich altmodischen Eindruck nach dem Bauhaus.» Florence Henri, Brief an Lou Scheper, 29. August 1927
Besonders Moholy-Nagys Idee eines «Neuen Sehens» sowie der Austausch mit Lucia Moholy beförderten ihr Interesse an der Fotografie. Obwohl sie mit ihrer Malerei durchaus erfolgreich und an mehreren Ausstellungen beteiligt war, war es schliesslich die Fotografie, die ihr zu grösster Bekanntheit verhalf und sie zu einer der bedeutendsten Vertreter:innen ebendieses Neuen Sehens avancieren liess.
Henris Fotografien zeichnen sich durch sorgfältige Komposition, den spannungsvollen Einsatz von Licht und Schatten, ungewohnte Blickwinkel und ein bewusstes Spiel mit Schärfe und Unschärfe aus. Spiegel und metallene Kugeln ermöglichen simultane Perspektiven und eröffnen Bildräume jenseits der sichtbaren Realität. Bereits zu Lebzeiten wurden ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen präsentiert und in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt. Sie machte sich zudem als Werbefotografin einen Namen. Obwohl sich ihre späten Arbeiten – sie widmete sich aufgrund der Materialknappheit und der Verbote während des Zweiten Weltkriegs wieder der Malerei – stark von ihrem Frühwerk unterscheiden, bleibt allen Schaffensphasen das beständige Interesse an Komposition sowie Fragen der Wahrnehmung und des Sehens gemein.
Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee zeichnet anhand von rund 80 Werken, insbesondere Fotografien und Gemälde, aber auch Zeichnungen und Collagen, den abwechslungsreichen künstlerischen Werdegang von Florence Henri inmitten der europäischen Avantgarde nach.