
Kleidergrößen sind für viele Frauen keine verlässliche Orientierung, sondern hauptsächlich der Ursprung von großem Frust: Während die Hose eines Labels in Größe 38 perfekt sitzt, passt bei der nächsten Marke nicht einmal die 42.
„Dass Kleidung nicht einheitlich ausfällt, liegt daran, dass es keine verbindlichen Vorgaben gibt. Theoretisch existiert zwar eine DIN-Norm, aber jeder Hersteller kann seine Größen selbst festlegen. Manche Marken betreiben sogar sogenanntes Vanity Sizing und lassen ihre Kleidung absichtlich größer ausfallen, um Kundinnen ein gutes Gefühl zu verkaufen, wenn sie eine kleinere Größe als gewohnt tragen können“, weiß Melanie Schneppershoff, Gründerin des Fashion-Onlineshops mamell.
Unsicherheit und Selbstzweifel
Wer in einem Laden zu einer Hose in der gewohnten Größe greift und feststellt, dass sich der Knopf nicht schließen lässt, sucht die Schuld selten beim Hersteller. Stattdessen setzen reflexhaft Zweifel am eigenen Körper ein. „Gerade Jugendliche wachsen mit einem enormen gesellschaftlichen Druck auf. Für viele ist eine XS oder S mehr als nur eine Kleidergröße – sie wird unbewusst zu einer Bewertung der eigenen Person. Muss plötzlich eine M oder L gekauft werden, fühlen sich manche direkt schlecht, obwohl sich am eigenen Körper überhaupt nichts verändert hat“, erklärt Melanie Schneppershoff.
Einheitsgrößen statt Größenfrust
Die Lösung, um den Kreislauf aus Enttäuschung und Unsicherheit zu durchbrechen, lautet One-Size-Mode. Anstatt Kollektionen in starre Raster von XS bis XXL zu pressen, rückt die Passform selbst in den Vordergrund. Kleidungsstücke, die nach dem One-Size-Prinzip entworfen werden, decken oft eine Spanne von Größe 36 bis 50 ab. Dass ein Kleidungsstück an zwei Frauen mit unterschiedlichen Figuren nicht exakt gleich sitzt, ist dabei gewollt. „Kleidung muss nicht an jeder Frau identisch aussehen. Unterschiedliche Körper sorgen für unterschiedliche Passformen – und das ist vollkommen okay. Ein Kleidungsstück sollte Bewegung erlauben und gut im Alltag funktionieren, statt als Maßband für den vermeintlichen Idealkörper zu fungieren“, meint die Mode-Expertin.
Voll im Trend
Die aktuelle Mode kommt dem One-Size-Konzept sogar entgegen: Oversize-Blazer, lockere Pullover, weite Hosen und flexible Balloon-Schnitte dominieren momentan die Kollektionen. „Durch den gezielten Einsatz von elastischen Bündchen, intelligenten Tunnelzügen und raffinierten Wickeltechniken gewinnen Kleidungsstücke an Flexibilität, ohne an Ästhetik einzubüßen. Die Mode passt sich dem Menschen an, nicht mehr der Mensch der Mode“, erklärt Melanie Schneppershoff.
Modisch und umweltbewusst
Auch das Online-Einkaufserlebnis verändert sich durch One-Size-Kleidungsstücke. „Kundinnen müssen nicht mehr dieselbe Hose in drei Größen bestellen, um herauszufinden, welche passt. Das macht das Shoppen entspannter und sorgt gleichzeitig für weniger Retouren. Mit einer Retourenquote von rund 25 bis 28 Prozent liegen wir mit unseren One-Size-Produkten beispielsweise deutlich unter dem Durchschnitt der Modebranche. Dieser liegt in der Regel bei 35 bis 50 Prozent“, verrät die mamell-Gründerin. Weniger Rücksendungen bedeuten gleichzeitig weniger Verpackungsmaterial, weniger unnötige Versandwege und einen schonenderen Umgang mit Ressourcen. Bei nur einem nachhaltigen Nebeneffekt bleibt es allerdings nicht: Kleidung mit variablen Passformen übersteht Gewichtsschwankungen mühelos. Statt bei jeder Veränderung neu zu kaufen, passt sich das Lieblingsstück mühelos an und kann länger getragen werden.
Foto: mamell, Melanie Schneppershoff