^

 

 Suche  | Sitemap  | Mediadaten  | Kontakt  | Impressum  | Datenschutz
       
Samstag, 26. September 2026
   
 

DWS Chart der Woche: Was gängige Energiestatistiken übersehen

Die Krise an der Straße von Hormus zeigt: Übliche Kennzahlen unterschätzen, wie stark Elektrifizierung Verbrauch und Importabhängigkeit bereits senkt



Energiestatistiken haben selten Schlagzeilenpotenzial. Manchmal braucht es eine blockierte Meerenge, damit ihre blinden Flecken sichtbar werden. Die Krise an der Straße von Hormus hat gezeigt, wie verwundbar der Handel mit Öl und Flüssiggas ist. Zugleich hat die Elektrifizierung den Schock abgefedert. Welchen Beitrag sie dabei leistete, lässt sich aus den üblichen Statistiken jedoch kaum ablesen. Noch schwerer lässt sich abschätzen, wie gut sie vor der nächsten Krise schützen könnte.

Der Grund ist einfach: Elektroautos und Wärmepumpen ersetzen nicht nur fossile Brennstoffe. Sie verschwenden auch weniger Energie. Zudem lässt sich ihr Strombedarf teilweise in Zeiten verlagern, in denen reichlich günstiger Strom aus erneuerbaren Quellen verfügbar ist. Ein Elektroauto wandelt typischerweise mindestens 77 Prozent​ der eingesetzten Energie in Bewegung um. Bei einem Benziner sind es lediglich 12 bis 30 Prozent.1​ Eine Wärmepumpe kann aus einer Einheit Strom drei bis fünf Einheiten Wärme bereitstellen. Ein fossiler Heizkessel kommt nur auf rund 0,8. Für dieselbe Fahrt oder ein warmes Wohnzimmer wird daher weniger Energie benötigt. Zusammen mit den Verlusten beim Transport von Brennstoffen führt dies dazu, dass das globale Energiesystem nur einen Wirkungsgrad von rund 37 Prozent erreicht.2​

Viele Debatten stützen sich dennoch auf die Primärenergie. Diese Messgröße zählt auch jene Energie mit, die in Motoren, Heizkesseln und Kraftwerken als Abwärme verloren geht. Der Beitrag erneuerbarer und elektrischer Technologien erscheint in solchen Statistiken gerade deshalb geringer, weil sie weniger Energie verschwenden.3​

Unser Chart der Woche stellt zwei Messweisen gegenüber. Die Endenergie erfasst, was bei Gebäuden, Fahrzeugen und Fabriken ankommt, also ohne das, was schon im Energiesektor verbraucht wird. Die Nutzenergie berücksichtigt zusätzlich, wie effizient daraus Wärme, Bewegung oder industrielle Leistung entsteht. Gemessen an der Nutzenergie ist Europa stärker elektrifiziert und näher an China, als herkömmliche Statistiken vermuten lassen.

Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Nach Berechnungen des Energieforschungsinstituts Ember senkte der weltweite Bestand an Elektroautos den Ölverbrauch 2025 um rund 1,7 Millionen Fässer pro Tag. Das entsprach etwa 70 Prozent der damaligen iranischen Ölexporte durch die Straße von Hormus.4​ Auch der weltweite Solarzubau des Jahres 2025 könnte den Gasverbrauch deutlich senken. Die dadurch verdrängte Stromerzeugung aus Gaskraftwerken entspräche in etwa dem gesamten Flüssiggas, das damals durch die Meerenge von Hormus transportiert wurde.5

Reserven und alternative Transportwege können den ersten Stoß einer Versorgungskrise dämpfen. Elektrifizierung setzt dagegen bei der Abhängigkeit selbst an. Nach Schätzungen könnten Elektroautos, erneuerbare Energie und Wärmepumpen die fossilen Importe von Einfuhrländern zusammen um 70 Prozent verringern.5​

Ganz ohne neue Abhängigkeiten geht es freilich nicht. Elektrifizierte Systeme brauchen leistungsfähige Netze, Speicher, Ladepunkte, sichere Rohstofflieferketten und genügend Fertigungskapazität. Für Anleger eröffnet die Elektrifizierung ein breites Feld an Möglichkeiten. Es reicht von Stromnetzen und Speichern über Gebäude- und Industrieausrüstung bis hin zu Software. Allerdings bleiben politische Eingriffe, Wettbewerb und Bewertungen wichtige Risiken. Unzulängliche Statistiken machen es noch schwieriger, Chancen und Risiken richtig einzuschätzen.

Murray Birt, Senior Sustainability Strategist bei der DWS merkt an: „Die Internationale Energieagentur6​ und Eurostat sollten den Fortgang der Energiewende deshalb regelmäßig auch anhand der Nutzenergie messen.“7​ Er fügt hinzu: „Auch in politischen Zielen sollte die Nutzenergie stärker berücksichtigt werden.“[8]​ Die Internationale Energieagentur und Eurostat sollten die Energiewende deshalb auch in Nutzenergie messen. Elektrifizierung ersetzt nicht bloß fossile Brennstoffe. Sie liefert aus jeder eingesetzten Einheit mehr von dem, worauf es ankommt. Wer nur Brennstoffmengen zählt, rechnet womöglich sehr genau an der Energiewende vorbei.

Quellen: Berechnungen der DWS Investment GmbH auf Grundlage des Statistical Review of World Energy 2026 des Energy Institute sowie der Internationalen Energieagentur; Stand: 21.09.2026.

* Nutzenergie bezeichnet die Energie, die nach Verlusten in den Endgeräten tatsächlich für Wärme, Kühlung, Licht oder Bewegung zur Verfügung steht. Endenergie ist die Energie, die den Endverbraucher vor diesen Verlusten erreicht.

1 U.S. Department of Energy, FuelEconomy.gov, „All-Electric Vehicles“, Stand: September 2026.
2 RMI, „The Incredible Inefficiency of the Fossil Energy System“, 4. Juni 2024.
3 Auch Deutschlands Umweltbundesamt weist auf methodenbedingte Verzerrungen hin. Sie entstehen, weil bei der Berechnung des Primärenergieverbrauchs für verschiedene Energieträger unterschiedliche Wirkungsgrade angesetzt werden. Dadurch kann der Primärenergieverbrauch beim Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien rein rechnerisch sinken, während deren Anteil am Primärenergieverbrauch den tatsächlichen Ausbau nur unterproportional abbildet. Siehe Umweltbundesamt, „Primärenergieverbrauch“, Stand: 18. Dezember 2025.
4 Ember, „ Electric Vehicles Avoided Oil Consumption Equivalent to 70% of Iran’s Exports in 2025“, 18. März 2026. Ember beziffert den durch Elektroautos vermiedenen Ölverbrauch auf 1,7 Millionen Barrel täglich.
5 Ember, „The Energy Security Fallout: From Fossil Fuel Fragility to Electric Independence“, 18. März 2026.
6 Der Bericht „Electrification“ der Internationalen Energieagentur beginnt damit, Elektrifizierung auf Grundlage von End- und Nutzenergie zu messen und zu vergleichen.
7 Ember, „Reframing Energy for the Age of Electricity“, 17. Februar 2026.
8 Michael Liebreich, „Let’s Target 35% Electrification, but of What?“, Substack, 9. Juni 2026.

 

Veröffentlicht am: 26.09.2026

Ausdrucken: Artikel drucken

Lesenzeichen: Lesezeichen speichern

Feedback: Mit uns Kontakt aufnehmen

Facebook: Teile diesen Beitrag auf Facebook

Nächsten Artikel lesen

Vorherigen Artikel lesen

 

Neu:


 

 

 

 

Werbung

Werbung

 

 

 

Werbung

             

 

Besuchen Sie auch diese Seiten in unserem Netzwerk:
| Börsen-Lexikon
| Fotograf Fotomensch Berlin
| Geld & Genuss
| gentleman today
| genussmaenner.de
| geniesserinnen.de
| instock.de
| marketingmensch | Agentur für Marketing, Werbung & Internet
| Unter der Lupe

© 2026 by frauenfinanzseite.de, Groß-Schacksdorf. Alle Rechte vorbehalten.