
Vor einigen Jahren schmiedeten Europas politische Entscheidungsträger einen raffinierten Plan: Die wegfallenden russischen Pipelinegaslieferungen sollten durch einen Ausbau der Importkapazitäten für Flüssigerdgas (LNG) aus aller Welt ersetzt werden.
Anders als die meisten Pläne von einem gewissen Baldrick in der britischen Kultkomödie Blackadder hat dieser weitgehend funktioniert. Im kommenden Winter könnten allerdings einige weniger angenehme Nebenwirkungen des europäischen LNG-Ausbaus zutage treten.
Wie unser „Chart der Woche“ zeigt, liegen die europäischen Gasspeicherstände weiterhin deutlich unter den Vergleichswerten der vergangenen Jahre. Auf den ersten Blick wirkt das alarmierend. Schließlich waren die Speicher während der Energiekrise eine der wichtigsten Verteidigungslinien Europas. Doch die Bedeutung niedriger Speicherstände hat sich verändert.
Vor Russlands Einmarsch in die Ukraine 2022 bezog Europa sein Gas hauptsächlich über feste Lieferverträge und Pipelines. Heute kann Europa dank LNG-Terminals flexibler und ganzjährig Gas beschaffen. Große Vorräte müssen daher nicht mehr Monate im Voraus angelegt werden. Doch diese Flexibilität hat ihren Preis: Auf dem globalen LNG-Markt hängen Versorgung und Preise stärker von der Nachfrage anderer Regionen, gestörten Seewegen, beschädigten Exportanlagen und Wetterbedingungen ab. Der Weltmarkt wird neben den Speichern zur zweiten Versicherung, allerdings mit schwankender Prämie.
Auch das Wetter erhöht die Unsicherheit. Hitzewellen auf der Nordhalbkugel haben zuletzt die Stromnachfrage erhöht und den Wettbewerb um LNG verschärft. Ein milder Winter in wichtigen Verbrauchsregionen könnte dagegen die Heizungsnachfrage dämpfen und LNG für andere Abnehmer verfügbar machen. Europas niedrige Speicherstände wären dann weniger bedrohlich. Im Extremfall könnte aus der Sorge vor Knappheit sogar ein Überangebot werden.
„Die vergangenen Monate verdeutlichen zunehmend einige der Zielkonflikte eines stärker globalisierten Marktes für Gasversorgung“, argumentiert Johannes Müller, Chefvolkswirt der DWS. „Europas Gasversorgung ist flexibler geworden, aber zugleich stärker dem globalen Wettbewerb ausgesetzt. Sollte Europa in diesem Winter aggressiv um LNG-Lieferungen bieten müssen, werden die Auswirkungen weit über seine Grenzen hinaus zu spüren sein.“
Niedrige Speicherstände sind deshalb nicht mehr zwangsläufig dasselbe Warnsignal wie früher. Baldrick hätte an der Pointe seine Freude gehabt: Der „cunning plan“ funktioniert, nur schafft er neue Risiken. Denn ein LNG-Tanker auf dem Weg nach Europa kann ebenso leicht ein lukrativeres Ziel ansteuern.