
Spanien ist nicht nur Weltmeister, sondern auch der Wachstumsstar in Europa. Dieses Jahr legt seine Wirtschaftsleistung voraussichtlich doppelt so stark zu wie die der Eurozone. Der Boom basiert nicht auf Künstlicher Intelligenz, sondern auf Zuwanderung, Tourismus und breiter Diversifikation. „Für Anleger bietet das Chancen, aber auch strukturelle Risiken“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM.
Spanien hat einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Meilenstein erreicht: Mit einem Bruttoinlandsprodukt von über zwei Billionen US-Dollar hat das Land erstmals Südkorea überholt und gehört derzeit zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften unter den Industrienationen. Anders als in vielen anderen fortgeschrittenen Ökonomien basiert dieser Aufschwung jedoch nicht auf einem dominierenden Technologiesektor oder einem KI-getriebenen Boom.
Ein zentraler Treiber ist die Zuwanderung. „Rund 80 Prozent des Beschäftigungsaufbaus seit 2022 entfallen auf ausländische Arbeitskräfte“, erklärt Fischer. Durch umfangreiche Legalisierungsprogramme und eine wachsende Bevölkerung – von etwa 47 auf nahezu 50 Millionen Menschen – erhöht sich nicht nur das Arbeitskräfteangebot, sondern auch die Binnennachfrage und das Steueraufkommen.
Starke Impulse bringt auch der Tourismus: Während der Konflikt im Nahen Osten das Wachstum andernorts schwächt, profitiert Spanien – als Reiseziel wird es immer beliebter. Folge: Der Tourismussektor macht inzwischen rund 13 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Zwar lässt der Konflikt im Nahen Osten die Öl- und Gaspreise klettern, doch in Spanien federt dies der vergleichsweise hohe Anteil erneuerbarer Energien ab, der auch zur Stabilisierung der Inflationsrate beiträgt.
Im Vergleich dazu hängt beispielsweise das südkoreanische Wachstum deutlich stärker an der globalen Nachfrage nach KI-Halbleitern. „Damit ist es zyklischer und potenziell anfälliger für externe Schocks“, erklärt Fischer. Spaniens wirtschaftliche Expansion hingegen stütze sich auf mehrere Säulen, darunter Industrieexporte, Landwirtschaft, Dienstleistungen und eben Migration. Diese Diversifikation verleiht dem Wachstum eine höhere kurzfristige Robustheit.
Allerdings zeigen sich erste strukturelle Spannungen. Besonders angespannt sei die Lage am Wohnungsmarkt, so Fischer: In Metropolregionen wie Madrid und Katalonien fressen die Wohnkosten vieler Haushalte bis zu 70 Prozent ihres Einkommens. Öffentliche Investitionen bleiben mit unter drei Prozent des BIP hinter dem europäischen Durchschnitt zurück. „Zudem spiegelt sich die makroökonomische Dynamik noch nicht im Einkommen vieler Spanier wider.“
Die entscheidende Schwachstelle allerdings bleibt langfristig die Produktivität. Das Wachstum pro Kopf fällt deutlich geringer aus als das Gesamtwachstum und die Produktivität je Arbeitsstunde liegt weiter hinter führenden europäischen Volkswirtschaften zurück. Erste Initiativen im Technologiesektor, etwa Beteiligungen an Chipentwicklern, markieren zwar einen Strategiewechsel. „Das allein reicht jedoch nicht aus, um die strukturellen Defizite zu schließen“, so Fischer.
Auch politisch wächst die Unsicherheit. Die migrationskritische Partei Vox gewinnt auf regionaler Ebene an Einfluss, während gleichzeitig die Mittel aus dem europäischen Wiederaufbaufonds auslaufen. Letzte Förderanträge müssen bis Spätsommer 2026 gestellt werden, was zusätzlichen Handlungsdruck erzeugt.
Für Investoren ergibt sich laut Fischer damit ein differenziertes Bild: „Spanien demonstriert, dass solides Wachstum auch ohne dominierenden KI-Sektor möglich ist und liefert wichtige Impulse für die Eurozone.“ Zugleich handele es sich weniger um eine klassische Wachstumsstory als um eine Übergangsphase. Die langfristige Attraktivität des Standorts werde entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, Produktivität, Infrastruktur und Wohnraum im Gleichschritt mit dem demografischen Wachstum zu entwickeln. Südkorea könnte dabei als Referenzmodell für den nächsten, stärker technologiegetriebenen Entwicklungsschritt dienen.