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DWS Chart der Woche: Inflationsrisiken am Horizont

Frühere El-Niño-Phasen zeigen: Agrarpreise reagieren verzögert und uneinheitlich. Die aktuellen Risiken sollten trotzdem nicht unterschätzt werden



Buchhaltung als waghalsiges Abenteuer auf hoher See – das klingt selbst für Monty-Python-Fans ziemlich absurd. Doch sobald El Niño wieder die Wetter- und Marktlage durcheinanderwirbelt, wird das Rechnen tatsächlich schwieriger. 

In den kommenden Monaten könnten Anleger und Notenbanken erneut feststellen, dass Wettermuster im Pazifik Inflation, Lieferketten und Markterwartungen weit über die Ozeane hinaus beeinflussen können. Das Phänomen entsteht im tropischen Pazifik: Ungewöhnlich warmes Oberflächenwasser schwächt die Passatwinde und verschiebt weltweit Niederschlagsmuster.1​ Michael Lewis, Head of ESG Research bei der DWS, erklärt: „El Niño wird nicht durch den Klimawandel verursacht. In einer wärmeren Welt können sich die Effekte aber wechselseitig verstärken.“

Noch steht die neue Episode am Anfang. Frühindikatoren sprechen jedoch für einen besonders heftigen El Niño. Prognosen sehen die Meeresoberflächentemperaturen in Teilen des Pazifiks zeitweise mehr als 2,5 Grad über dem langfristigen Durchschnitt, möglicherweise nahe 3 Grad bis Anfang 2027.2​ Seit 1980 gab es nur drei Phasen dieser Größenordnung: 1982/83, 1997/98 und 2015/16. Für statistisch belastbare Prognosen zu Agrarpreisen insgesamt sind das zu wenige Datenpunkte.

Unser Chart der Woche setzt deshalb enger an: Was geschah durchschnittlich in diesen Phasen mit Sojabohnen- und Palmölpreisen? Die Antwort ist differenzierter als manche Schlagzeile vermuten lässt. Beide Rohstoffe zeigten seit 1980 über zwei Jahre meist einen leicht steigenden Trend. Während starker El-Niño-Phasen lagen Sojapreise aber oft darunter. Palmöl folgte in diesen Phasen einem anderen Muster: erst Schwäche, später ein deutlicher Anstieg.

Dass die Preise für Soja und Palmöl so unterschiedlich reagierten, ist leicht erklärt. Soja wird in verschiedensten Weltregionen angebaut. Ausfälle aufgrund von mancherorts extremem Wetter können teilweise anderswo ausgeglichen werden. Palmöl ist stärker auf Südostasien konzentriert. Bleibt dort Regen aus, trifft es das Angebot oft erst mit Verzögerung – dann aber mit weniger Ausweichmöglichkeiten. Auch die Nachfrage zählt. Palmöl wird zwar zum Kochen verwendet, doch in den meisten Fällen könnte die Lebensmittelindustrie stattdessen auf Soja- oder Rapsöl ausweichen. Allerdings werden beide Pflanzen auch für Biokraftstoffe genutzt. Energiepreisschocks können daher zusätzliche Nachfrage in diese Märkte lenken. Die Öl- und Gaspreisschocks der vergangenen Monate könnten nun drohende Knappheiten bei diesen Lebensmitteln verstärken. Außerdem erlassen Regierungen im Rahmen der Bemühungen, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, u.a. Biokraftstoffquoten, die dann zusätzlich die Nachfrage nach Pflanzenölen erhöhen, und verschärfen damit eine mögliche Angebotsverknappung bei Lebensmitteln.

El Niño ist also nicht nur Wetter- oder Ernährungsthema. Für Anleger dürfte es in den kommenden Monaten vor allem Volatilität bedeuten. Teure Düngemittel, unsichere Energiemärkte und fragile Lebensmittellieferketten verschärfen die Ausgangslage. „Preisanstiege bei Agrarrohstoffen dauern meist kürzer als bei Metallen oder Energie“, betont Darwei Kung, Co-Head of Commodities bei der DWS. „Ist das handelbare Angebot aber knapp, können schon kleine Ernteschocks die Preise heftig bewegen. Hinzu kommt der längerfristige Trend einer steigenden Nachfrage nach Biokraftstoffen, weil Regierungen die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern wollen. Aus unserer Sicht dürfte der Preisdruck bei Lebensmitteln in den kommenden Monaten und Jahren weiter anhalten.“ Solche Effekte kommen oft verzögert und unterscheiden sich je nach Produkt und Region. Folgenschwer könnten sie dennoch sein, auch für die Geldpolitik: Nahrungsmittelpreise prägen Inflationserwartungen häufig stark, über ihr Gewicht im Warenkorb hinaus.

Quellen: DWS Investment GmbH; Bloomberg Finance L.P.; Stand 30.06.2026


1 NOAA Pacific Marine Environmental Laboratory, “What is El Niño?”, El Niño Theme Page.
2 The Economist, 16 June 2026, “Boy problems: The coming El Niño could be the strongest ever recorded”.

 

Veröffentlicht am: 04.07.2026

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