
Der angekündigte Rücktritt des britischen Premierministers Keir Starmer ist ein politischer Einschnitt. An den Finanzmärkten fiel die Reaktion darauf jedoch bemerkenswert verhalten aus. Genau diese Ruhe ist aufschlussreich. Sie zeigt, dass Investoren aktuell weniger auf politische Schlagzeilen als auf die Frage achten, ob sich der geld- und fiskalpolitische Rahmen Großbritanniens tatsächlich ändert. Bislang lautet die Antwort eher nein.
Über viele Jahre hinweg nahmen Gilts eine stabile Mittelposition zwischen US-Treasuries und Bunds ein.1 Dahinter standen klare makroökonomische Unterschiede: Die Federal Reserve agierte früher und entschlossener, was die Renditen in den USA eher oben hielt, während die Europäische Zentral Bank (EZB) die Renditen deutscher Staatsanleihen durch Negativzinsen und Anleihenkäufe auf der Unterseite verankerte. Großbritannien lag mit höherer Inflation als im Euroraum, aber weniger zyklischem Druck als in den USA dazwischen. Entsprechend rentierten Gilts dauerhaft über Bunds, aber unter Treasuries.
Dieser Zusammenhang wurde 2022 zunächst enger und dann abrupt aufgebrochen. Auslöser war der so genannte Liz-Truss-Moment, als ein nicht gegenfinanziertes Fiskalpaket einen massiven Ausverkauf auslöste. Für Investoren war dies eine Zäsur, denn fiskalische Glaubwürdigkeit ist in Großbritannien seither nicht mehr selbstverständlich. Seitdem werden Gilts weniger als „Mittelwert“ und stärker als eigenständiger Markt mit klarer Sensibilität gegenüber globalen Zinsbewegungen bewertet.
Dass sich Gilts zuletzt enger an Treasuries orientierten, hat vor allem drei Gründe. Erstens ist die britische Risikoprämie nach der Truss-Episode zurückgegangen. Zweitens haben sich die geldpolitischen Profile von Bank of England und Federal Reserve angenähert. Die Inflation zeigt sich auch in Großbritannien hartnäckiger, wodurch die Zinsen länger restriktiv bleiben dürften als bisher erwartet. Drittens werden beide Märkte zunehmend parallel von globalen Realzinsbewegungen geprägt, während Bunds stärker durch EZB-spezifische Faktoren beeinflusst werden.
Vor diesem Hintergrund ist die geringe Marktreaktion auf Starmers Rücktritt nicht überraschend. Die Ankündigung wirkte weniger wie ein neuer Schock, sondern vielmehr wie der Abschluss einer bereits laufenden Anpassung. Ein Teil der politischen Risikoprämie war bereits im Vorfeld eingepreist. Entscheidend ist nun, ob sich der wirtschaftspolitische Kurs verändert. Solange dies nicht erkennbar ist, dürfte die Marktreaktion begrenzt bleiben.
Unsere Einschätzung für Gilts bleibt konstruktiv, wenngleich das Renditeniveau die Attraktivität etwas relativiert. Unterstützt wird diese Einschätzung durch nachlassende Inflation, einen lockereren Arbeitsmarkt und eine Notenbank, die sich Zeit lassen kann. Lucas Brauner, UK-Ökonom bei der DWS, bringt es auf den Punkt: „Für die Bank of England ändert sich durch den Rücktritt wenig. Die Geldpolitik ist bereits restriktiv, und das Umfeld spricht eher für Geduld als für schnelle weitere Zinsschritte.“
Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Die Schlagzeilen kommen aus Westminster. Die Richtung der Gilts bestimmen jedoch weiterhin die globalen Zinsen, die Bank of England und die fiskalische Glaubwürdigkeit. Solange sich daran nichts Grundlegendes ändert, dürfte auch der politische Lärm an den Märkten begrenzt bleiben.
Quellen: Bloomberg Finance L.P., DWS Investment GmbH; Stand 23.06.2026
1 Sämtliche Finanzdaten – sofern nicht anders angegeben – von Bloomberg Finance L.P.; Stand 23.06.2026