
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre erste Zinserhöhung seit fast drei Jahren vollzogen und ihren wichtigen Einlagenzins um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben.
Der Zinssatz für die Einlagefazilität, der Hauptrefinanzierungssatz und der Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität werden mit Wirkung zum 17. Juni 2026 auf 2,25 Prozent, 2,40 Prozent bzw. 2,65 Prozent erhöht.1 Der Schritt, der seit Langem angekündigt war, markiert eine historische Wende im Vergleich zum Lockerungszyklus, der die Zinsen in den vergangenen zwei Jahren von vier Prozent auf zwei Prozent gedrückt hatte.
Der Auslöser ist allseits bekannt. Die Inflation in der Eurozone beschleunigte sich im Mai auf 3,2 Prozent – den höchsten Stand seit über zwei Jahren. Die Kerninflation, bei der die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel herausgerechnet werden, stieg von 2,2 Prozent im April auf 2,5 Prozent Der Hauptgrund dafür ist der Krieg im Iran, der nun schon im vierten Monat andauert und die Energiekosten auf einem hohen Niveau hält.
Die Zinserhöhung im Juni war allgemein erwartet worden und an den Märkten bereits komplett eingepreist. Daher konzentrierten sich die Anleger vor allem auf den Ausblick der EZB während der Pressekonferenz. Die Währungshüter signalisierten, dass im September eine letzte Erhöhung um 25 Basispunkte erfolgen könnte, was den Einlagenzins auf 2,50 Prozent anheben würde.
Währungshüter potenziell länger auf vorsichtigem Kurs
Über die Zinserhöhung selbst hinaus richteten die Investoren ihr Augenmerk vor allem auf die aktualisierten Wirtschaftsprognosen der EZB. Die Botschaft war gemischt: Während für die Inflation ein höherer Wert als bisher angenommen prognostiziert wird, soll sich das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Die Zentralbank hob ihre Gesamtinflationsprognose für 2026 auf 3,0 Prozent und für 2027 auf 2,3 Prozent an, während die Kerninflation für beide Jahre auf 2,5 Prozent nach oben korrigiert wurde. Gleichzeitig senkte die EZB ihre Wachstumserwartungen und rechnet für die Wirtschaft der Eurozone nur noch mit einem Plus von 0,8 Prozent im Jahr 2026 und 1,2 Prozent im Jahr 2027. Diese Revisionen deuten darauf hin, dass die Inflation weiterhin die größere Sorge darstellt als das Wachstum, was die Währungshüter potenziell länger auf einem vorsichtigen Kurs halten könnte.2
Die Kombination aus höherer Inflation und schwächerem Wachstum kommt dem Phänomen der Stagflation gefährlich nahe. Das BIP-Wachstum der Eurozone im ersten Quartal 2026 wurde im Quartalsvergleich um 0,2 Prozent nach unten korrigiert. Dies ist der erste Rückgang seit dem dritten Quartal 2022. Angetrieben durch eine Verschärfung der industriellen Rezession in Deutschland und einen drastischen Einbruch des Konsums in Frankreich. Die EZB erhöht die Zinsen somit faktisch in eine schrumpfende Wirtschaft hinein. Eine Position, die offensichtliche Risiken birgt, von den Währungshütern jedoch als notwendig erachtet wurde, um ihre Glaubwürdigkeit bei der Inflationsbekämpfung zu wahren.2
Christine Lagarde hält sich ans EZB-Drehbuch
Während der Pressekonferenz hielt sich Christine Lagarde an das bekannte Drehbuch der EZB und gab kaum Hinweise auf den künftigen geldpolitischen Kurs. Anstatt sich auf kommende Zinsschritte festzulegen, betonte sie erneut, dass die Entscheidungen datenabhängig bleiben und von Sitzung zu Sitzung neu bewertet werden. Der vorsichtige Ton spiegelt die erhebliche Unsicherheit wider, mit der die Politik konfrontiert ist – insbesondere mit Blick auf die geopolitischen Spannungen, die Energiemärkte und die allgemeinen Wirtschaftsaussichten.
Die begleitende Erklärung der EZB untermauerte die Argumente für ihren jüngsten Schritt. Der EZB-Rat betonte, dass er gut aufgestellt sei, um das aktuelle Umfeld zu meistern und bereitstehe, im Rahmen seines Mandats alle verfügbaren Instrumente einzusetzen, sofern dies erforderlich sein sollte. Die Priorität der Zentralbank bleibt es, die Inflation mittelfristig wieder auf das Zwei-Prozent-Ziel zurückzuführen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Geldpolitik weiterhin wirksam in der gesamten Wirtschaft der Eurozone ankommt.1
DAX verkraftet Zinserhöhung scheinbar ohne Panik
Die deutschen Standardwerte starteten am Freitag im Plus und schienen bereit zu sein, die erwartete Zinserhöhung ohne Panik zu verkraften. Diese Widerstandsfähigkeit täuscht jedoch über den realen strukturellen Druck hinweg. Die Zinserhöhung der EZB könnte zinssensitive DAX-Mitglieder belasten und die Bewertungen drücken, zumal die BIP-Wachstumsprognose für Deutschland für das Jahr 2026 bereits von zuvor prognostizierten 1,0 Prozent auf 0,5 Prozent gesenkt wurde.
Der jüngste Zinsschritt der EZB erhöht den Druck auf ein ohnehin schon schwieriges Umfeld für deutsche Aktien. Höhere Zinssätze neigen dazu, die Bewertungen zu belasten, da sie den Abzinsungssatz für zukünftige Gewinne erhöhen. Dies ist insbesondere für kapitalintensive Industriegiganten wie Siemens, BASF und Continental ein Problem. Im Gegensatz zu Banken, die bei steigenden Zinsen von höheren Kreditmargen profitieren können, werden Industrieunternehmen oft auf Basis von Cashflows bewertet, die erst in vielen Jahren erwartet werden. Wenn die Kreditkosten steigen und die Renditen anziehen, werden diese zukünftigen Gewinne aus heutiger Sicht weniger wertvoll, was die Aktienkurse nach unten drückt.
Aus diesem Grund reagiert der DAX nach wie vor hochsensibel nicht nur auf die Entscheidungen der EZB, sondern auch auf deren Rhetorik. Ein klares Signal, dass die erwartete Zinserhöhung im September das Ende des Straffungszyklus einläutet, könnte die Anleger beruhigen und die Aktienbewertungen stützen. Sollte Lagarde die Tür für weitere Zinserhöhungen im späteren Jahresverlauf jedoch offenhalten, könnten die Märkte beginnen, einen noch restriktiveren geldpolitischen Ausblick einzupreisen. Ein solches Szenario würde voraussichtlich die Industrie, Versorger und andere zinssensitive Sektoren des DAX am stärksten belasten und das Potenzial des Index, seine jüngsten Höchststände zu überschreiten, einschränken.
Ausblick steht auf wackeligen Beinen
Der Konsens unter Ökonomen deutet auf eine weitere Zinserhöhung im September hin, die den Einlagenzins auf 2,50 Prozent bringen würde, gefolgt von einer längeren Pause. Dieser Konsens steht jedoch auf wackeligen Beinen. Er beruht auf der Annahme, dass sich die Energiepreise auf dem aktuellen Niveau stabilisieren und der Krieg im Iran nicht weiter eskaliert. Jede Verschlechterung der geopolitischen Lage, ein neuerlicher Ölpreisschock, weitere Störungen auf den Schifffahrtswegen in der Straße von Hormus oder Anzeichen für eine anziehende Lohninflation könnten die EZB zu Schritten zwingen, die über das hinausgehen, was die Märkte derzeit erwarten. Der DAX wird ein Gewinnwachstum benötigen, um sein aktuelles Niveau in einer Welt zu rechtfertigen, in der der risikofreie Zins gestiegen und das Wachstum fragil ist.
1) EUROPÄISCHE ZENTRALBANK: Geldpolitische Beschlüsse, 11. Juni 2026.
2) TRADING ECONOMICS: Zinssatz der Eurozone, 11. Juni 2026.