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Donnerstag, 11. Juni 2026
   
 

Warum Chinas Wirtschaftswachstum nicht an der Börse ankommt

... von Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE



In den vergangenen zehn Jahren betrug das durchschnittliche BIP-Wachstum Chinas 5,5 % pro Jahr. In den USA waren es mit 2,4 % weniger als die Hälfte. Dennoch legte der Leitindex der US-Unternehmen mit großer Marktkapitalisierung in diesem Zeitraum um 255 % zu, während es beim MSCI China (in US-Dollar) lediglich 72 % waren. Das entspricht einem jährlichen Zuwachs von 15 % gegenüber 6 %[1].

Das rasante Wirtschaftswachstum Chinas spiegelt sich also nicht automatisch an der Börse wider, obwohl die chinesischen Champions in ihren jeweiligen Branchen weltweit dominieren: BYD bei Elektrofahrzeugen, CATL bei Batterien, Huawei bei Telekommunikationsausrüstung.  Hinzu kommen führende Rollen chinesischer Unternehmen bei seltenen Erden, Lithium, im Bauwesen, bei Handelsplattformen (Alibaba), im Seetransport (Cosco), in der Elektronik (Foxconn), im Erdölbereich (Sinopec) und so weiter.

Weltmarktführer ohne entsprechende Börsenrenditen

Zu dieser Divergenz zwischen den industriellen Erfolgen des Landes und der Wertentwicklung der Indizes tragen vor allem drei Faktoren bei.

Erstens geht es um das grundsätzliche Verständnis der Rolle der Wirtschaft. Vereinfacht gesagt beruht das chinesische Modell auf einem Staatskapitalismus, dessen oberste Ziele geopolitische Souveränität und gesellschaftliche Stabilität sind[2]. In den USA steht dagegen die Wertschöpfung für nichtstaatliche Aktionäre im Vordergrund. Diese unterschiedlichen Prioritäten spiegeln sich logischerweise in den Börsenkursen wider.

Staatskapitalismus prägt die Prioritäten der Wirtschaft


Aus konjunktureller Sicht leidet die chinesische Börse seit mehreren Jahren unter der andauernden Immobilienkrise, in der das Land seit 2021 steckt. Es sind nicht nur große Bauträger wie Evergrande zusammengebrochen. Dies zog einen Rückgang der Bautätigkeit und der Kreditvergabekapazitäten der Banken nach sich. Hinzu kam der Preisverfall, der einen negativen Wohlstandseffekt bei den Privathaushalten hervorrief.  Diese mussten ihren Konsum einschränken und mehr sparen. In einem Land, in dem Immobilien den wesentlichen Teil des Vermögens von Privathaushalten ausmachen, führt dies zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust der Haushalte und der Banken, wodurch Investitionen gebremst werden.

Die Immobilienkrise belastet Vertrauen und Konsum

Schließlich wird die jüngste Gewinndynamik noch durch den Gegensatz zwischen der relativ gesunden Verfassung bestimmter Branchen, etwa Grundstoffe und Technologie, und der schwachen Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen beeinträchtigt. In den vergangenen Monaten wurden die Gewinne der betreffenden Unternehmen nach oben korrigiert, während die Erwartungen bezüglich der Binnennachfrage zurückgegangen sind[3]. Die Folge ist, dass die Wertentwicklung des Index MSCI China, in dem Konsumwerte und Internet-Plattformen wie Tencent oder Alibaba ein hohes Gewicht haben, seit Jahresbeginn deutlich hinter der von eher binnenmarktorientierten Indizes wie dem CSI 300 zurückbleibt. Letzterer ist stärker auf Industriewerte ausgerichtet und liegt seit dem 1. Januar deutlich im Plus[4].

Nicht alle Sektoren profitieren gleichermaßen vom Wachstum

Nach derartigen Enttäuschungen an den Börsen, obwohl das BIP-Wachstum anhält, könnte man geneigt sein, in die vernachlässigten großen chinesischen Konsumtitel zu investieren. Doch auch wenn eine Erholung letztlich sicherlich kommen wird, steht diese nicht unbedingt kurz bevor. Die Stabilisierung des Immobiliensektors geht nur langsam voran, vor allem in mittelgroßen Städten[5]. Die Ankurbelung des Konsums ist hingegen eines der zentralen Ziele des Fünfjahresplans 2026-2030, allerdings sind die angekündigten Maßnahmen eher mittel- bis langfristig angelegt. Es geht dabei weniger um massive Konsumanreize als vielmehr um eine Neuausrichtung des gesamten chinesischen Modells, was zwangsläufig Zeit benötigt.

Geduld bleibt bei chinesischen Konsumwerten gefragt

Kurzfristig könnte die Divergenz zwischen Wirtschaftswachstum und Wertentwicklung an den chinesischen Börsen somit in den mit dem Konsum verbundenen Branchen noch andauern. Es wird einige Jahre dauern, bis diese Verknüpfung wiederhergestellt ist. Bis dahin empfiehlt es sich, die Sektoren sorgfältig zu unterscheiden, die voll und ganz von dem beeindruckenden chinesischen Wachstum profitieren, und jenen, bei denen Anleger zunächst abwarten sollten, bis das neue chinesische Konsummodell in vollem Umfang zum Tragen kommt.

[1] Quelle: Bloomberg.
[2] „Party-State Capitalism in China“, M. Pearson, M. Rithmire, K. Tsai, Harvard Business School Working Paper 21-065 – November 2020
[3] BNP Paribas „China’s great production/consumption divergence“, William Bratton, 02.06.2026
[4] Wertentwicklung seit Jahresbeginn: +9,8 % für den CSI 300, gegenüber -7,2 % für den MSCI China, Stand: 04.06.2026, in US-Dollar.
[5] Reuters: https://www.reuters.com/world/asia-pacific/china-new-home-prices-fall-slowest-monthly-pace-year-april-2026-05-18

 

Veröffentlicht am: 11.06.2026

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