
Nachdem bereits im April zahlreiche EZB-Mitglieder eine Zinserhöhung favorisiert hatten, dürfte die Notenbank am 11. Juni liefern und den Einlagensatz von 2,0 Prozent auf 2,25 Prozent anheben. Vor allem die neuen Projektionen zu Wachstum und Inflation dürften den Ausschlag geben.
Unter der Annahme, dass der Ölpreis nicht so schnell zu seinen Vorkriegsniveaus zurückkehren wird, sollten die Inflationsprognosen besonders für die Jahre 2026 und 2027 deutlich angehoben werden. Damit droht eine Verfehlung des Inflationsziels, was die EZB zum Handeln veranlassen sollte.
Allerdings bleibt das geopolitische Umfeld derart unsicher, dass es auch weiterhin nicht zu einer Vorfestlegung auf einen bestimmten geldpolitischen Kurs kommen dürfte. Es bleibt bei Datenabhängigkeit und der Entscheidung von Sitzung zu Sitzung.
Ohnehin setzen wir darauf, dass die EZB nicht übereilt handelt. Die Inflationserwartungen sind gut verankert. Bisher zeichnen sich auch nur geringe indirekten Effekte des Energiepreisanstiegs ab, wie auch die Inflationsrate für Mai zeigte. Sie kletterte im Mai auf 3,2 Prozent, der Preisanstieg bei Konsumgütern war mit 0,9 Prozent relativ verhalten. Nur die Dienstleistungspreise sind um 3,5 Prozent gestiegen, deutlich stärker als in den Vormonaten. In den kommenden Monaten dürfte allerdings vor allem die Urlaubssaison für weiter steigende Preise in diesem Bereich sorgen. Mit echten Zweitrundeneffekten in Form von steigenden Löhnen rechnen wir derzeit aber nicht. Dazu ist die konjunkturelle Entwicklung nach wie vor zu verhalten, auch weil sich die Finanzierungsbedingungen verschlechtert haben. Vor diesem Hintergrund rechnen wir nicht mit Schnellschüssen, sondern weiterhin nur mit einer Anhebung der Leitzinsen um insgesamt 50 Basispunkte auf 2,50 Prozent. Der nächste Schritt könnte dann im September erfolgen.