
Wer regelmäßige Erträge aus seinem Depot erzielen möchte, dachte lange zuerst meist an Dividendenaktien oder Anleihen. Doch seit einiger Zeit sorgt eine neue Produktkategorie für Aufmerksamkeit auf dem europäischen Kapitalmarkt: optionsbasierte Exchange Traded Products (ETPs), die monatliche Ausschüttungen aus dem Verkauf von Optionsprämien anstreben. Der Begriff „Passive Income 2.0“ beschreibt einen Ansatz, der institutionelle Derivatestrategien erstmals börsengehandelt und für Privatanleger zugänglich macht.
Unterschied zwischen Ausschüttungs-ETPs und klassischen ETFs
Klassische ETFs auf den MSCI World oder den S&P 500 schütten Dividenden entweder aus – sofern die enthaltenen Unternehmen welche zahlen – oder thesaurieren, was bedeutet, dass Dividenden automatisch in den entsprechenden ETF reinvestiert werden. Ausschüttungsrenditen von einem bis drei Prozent jährlich sind dabei typisch. Income Shares setzen hier an einem anderen Punkt an: Statt auf Dividendeneinnahmen zu warten, generieren optionsbasierte ETPs Erträge aktiv, indem sie Kaufoptionen (Covered Calls) oder Verkaufsoptionen (Cash-Secured Puts) auf die gehaltenen Wertpapiere verkaufen. Die dabei vereinnahmten Prämien werden in der Regel monatlich an die Anlegerinnen und Anleger ausgezahlt.
Das klingt nach einer simplen Konstruktion – und die Grundidee ist tatsächlich nicht neu. Covered-Call-Strategien werden von institutionellen Investoren seit Jahrzehnten eingesetzt, um Portfolioerträge zu steigern. Die Neuheit liegt in der Verpackung: als börsengehandeltes Produkt mit täglicher Liquidität, transparenter Struktur und einer – wie etwa bei Leverage Shares – physisch gesicherten Basis.
Leverage Shares und die IncomeShares-Produktreihe
Das 2017 gegründete Unternehmen Leverage Shares hat sich zunächst als Europas größter Emittent von Einzel-Aktien-ETPs mit gehebelten und inversen Strategien einen Namen gemacht. Inzwischen verwaltet das Unternehmen mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar in über 200 Produkten, die an der London Stock Exchange, Euronext Paris, Euronext Amsterdam und der Borsa Italiana sowie der Deutschen Börse notiert sind. 2025 stieg das Handelsvolumen der Produkte auf 21 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Seit 2024 bietet Leverage Shares unter der Marke IncomeShares eine eigene Produktlinie optionsbasierter ETPs an. Aktuell umfasst das Sortiment an der Deutschen Börse 19 Produkte, die auf Einzelaktien wie Apple, Amazon, Nvidia, Tesla, Microsoft, Meta, Alphabet und Coinbase aufsetzen, daneben aber auch auf US-Indizes wie den S&P 500 und den Nasdaq-100 sowie auf Rohstoffe wie Gold und Silber. Hinzu kommt ein Produkt auf US-Staatsanleihen mit langer Laufzeit. An der London Stock Exchange sind nach einem kürzlich erfolgten Listing insgesamt bereits 39 Produkte handelbar. In den kommenden Wochen sollen die neuen ETPs auch in Deutschland auf Xetra gelistet werden.
Das Grundprinzip der IncomeShares-Produkte: Das ETP hält die zugrunde liegenden Wertpapiere direkt und verkauft zusätzlich „Out-of-the-Money“-Kaufoptionen auf diese Positionen. Die vereinnahmten Prämien werden monatlich ausgeschüttet. Eine Sonderform ist das IncomeShares S&P 500 Options (0DTE) ETP, das mit täglich ablaufenden Optionen (sogenannte Zero Days to Expiration, kurz 0DTE) arbeitet – eine Strategie, die ursprünglich von Hedgefonds bekannt ist und nun börsengehandelt zur Verfügung steht. Die Produkte sind in Irland domiziliert, an der London Stock Exchange sowie der Frankfurter Börse handelbar und über gängige Brokerage-Plattformen zugänglich.
Hohe Ausschüttungsrenditen – aber mit Einschränkungen
Die angezeigten Ausschüttungsrenditen sind auf den ersten Blick bemerkenswert. Je nach Marktlage und Volatiliät können einzelne Produkte aus der IncomeShares-Familie zweistellige annualisierte Renditen aufweisen – während klassische ETFs auf dieselben Indizes typischerweise bei einem bis drei Prozent liegen. Diese Zahlen sind jedoch keine Garantie: Sie schwanken monatlich, hängen stark von der Marktvolatiliät ab und können mit einer Begrenzung des Kurssteigerungspotenzials einhergehen.
Ein Blick auf die bisherige Performance verdeutlicht das strukturelle Prinzip: Covered-Call-Strategien tendieren dazu, in seitwärts tendierenden oder leicht rückläufigen Märkten gut abzuschneiden, weil die Prämieneinnahmen dort ihren relativen Vorteil ausspielen. In stark steigenden Märkten hingegen können sie gegenüber dem reinen Basiswert zurückbleiben: Steigt eine Aktie über den vereinbarten Ausübungspreis hinaus, nimmt das ETP an diesem zusätzlichen Kursanstieg nicht mehr vollständig teil. Beim IncomeShares Gold+ Yield ETP etwa lag die Gesamtrendite seit Auflage bei rund 67 Prozent, während der zugrundeliegende Gold-ETF GLD im gleichen Zeitraum etwa 74 Prozent erzielte – allerdings bei höherer Volatilität.
Für Anleger, die primär auf regelmäßige Cashflows setzen – etwa in der Entnahmephase der Altersvorsorge – können diese Produkte daher eine erwägenswerte Rolle im Portfolio spielen. Wer hingegen maximales Wachstum anstrebt, dürfte mit klassischen Indexfonds besser bedient sein.
Markttrend: Wachstum trotz Nischendasein
Optionsbasierte Ausschüttungsprodukte sind in Europa noch eine Nische: von rund 3.000 ETFs in einschlägigen Datenbanken verfolgen derzeit nur einige Hundert eine aktive Strategie dieser Art. Doch das Interesse wächst. In den USA haben ähnliche Produkte unter dem Begriff „Income ETFs“ in den vergangenen Jahren signifikante Mittelzuflüsse verzeichnet.
In Europa hält dieser Trend später Einzug, gewinnt aber an Fahrt. Leverage Shares ist mit der IncomeShares-Reihe einer der wenigen Anbieter, die dieses Konzept auf einzelne US-Technologieaktien überträgt und damit ein besonders volatilitätsreiches Untersegment für einkommensorientierte Strategien erschließt. Die Produkte sind seit ihrer Notierung an der Frankfurter Börse auch für deutsche Anleger über Onlinebroker zugänglich und bei einzelnen Anbietern sogar als Sparplan nutzbar.
Sinnvolle Ergänzung für einkommensorientierte Anleger
Optionsbasierte Ausschüttungs-ETPs wie die IncomeShares-Reihe von Leverage Shares schließen eine Lücke, die im europäischen ETP-Markt lange bestanden hat: Sie übersetzen professionelle Einkommensstrategien in ein börsengehandeltes, transparentes Produkt. Für Anleger, die regelmäßige Cashflows ohne den Verwaltungsaufwand einzelner Optionskontrakte suchen, kann das ein interessantes Werkzeug sein – insbesondere als Ergänzung zu bestehenden ETF-Portfolios.
Ob es sich dabei um „Passive Income 2.0“ handelt, ist letztlich eine Frage der Perspektive. Passiv ist die Strategie im technischen Sinne nicht – der tägliche Optionshandel erfordert aktives Management durch den Anbieter. Aber für den Anleger ist das Ergebnis ein regelmäßiger Mittelzufluss ohne eigenes Zutun.