
Wenn es ein Gegenstück zur Künstlichen Intelligenz gibt, dann dürfte das die deutsche Wirtschaft sein. Während der KI wahre Wunder zugetraut werden, sehen bei Deutschland alle schwarz bis dunkelgrau.
„Doch Investoren sollten zwischen Schlagzeilen und Substanz unterscheiden“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Die Stimmung ist vielerorts unterirdisch, doch Daten, Börsen und Unternehmensbilanzen zeigen: Die deutsche Wirtschaft mag angeschlagen sein, aber keineswegs uninvestierbar.
Das öffentliche Grundrauschen in Deutschland klingt seit Monaten gleich: Wachstumssorgen, Stagnation, Deindustrialisierung, Abwanderungsdebatten. Dauerpessimismus prägt Schlagzeilen und Meinungsumfragen. Für viele Beobachter entsteht der Eindruck, die deutsche Wirtschaft befinde sich im freien Fall – oder zumindest kurz davor. „Doch zwischen der Stimmung und der tatsächlichen Investierbarkeit klafft eine immer größere Lücke“, so Fischer.
Weder Unternehmer noch Verbraucher trauen der Konjunktur spektakuläre Sprünge zu, doch Anzeichen einer Eskalation fehlen. Das reale Bruttoinlandsprodukt legte 2025 immerhin um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu – kein Boom, aber auch kein Absturz. Das wichtigste Stimmungsbarometer, der Ifo-Geschäftsklima, lag im Dezember 2025 bei 87,6 Punkten – leicht unter dem Vormonat, aber über den Werten vom Jahresanfang. Die Botschaft: Die Stimmung bleibt gedämpft, aber nicht verzweifelt. Ähnlich zeigt sich der GfK-Konsumklimaindex: mit 26,9 Punkten ein verhaltenes, aber stabiles Bild. Vorsicht dominiert – keine Kapitulation.
Gleichzeitig erklimmt der Deutsche Aktienindex neue Höhen mit über 25.000 Punkten. Und dies nach deutlich zweistelligen Prozentzuwächsen in den Jahren 2023 bis 2025. „Damit hat der DAX seine Rolle als Stimmungsbarometer der heimischen Konjunktur endgültig abgestreift“, sagt Fischer. Während die Börsen damit historische Rekorde feiern, zeichnen viele Medien weiterhin ein Krisenpanorama aus Insolvenzen, Entlassungen und Standortdebatten. „Der scheinbare Widerspruch löst sich bei genauerem Hinsehen auf“, erklärt Fischer. Der Dax sei schließlich kein Spiegel der Binnenkonjunktur, sondern Ausdruck globaler Ertragskraft. Die meisten Einnahmen erzielen seine Mitglieder jenseits der deutschen Grenzen. Darüber hinaus bewertet der Dax Zukunftserträge und Kapitaldisziplin – er ist keine Momentaufnahme.
Märkte sind daher nicht optimistisch oder pessimistisch, sondern selektiv. Sie unterscheiden zwischen Störgeräuschen und Substanz. Indexstärke bedeutet nicht flächendeckenden Wohlstand, aber Investierbarkeit dort, wo Wettbewerbsvorteile und Cashflows solide bleiben.
Politische Handlungsunfähigkeit und Bürokratie mögen das Vertrauen mindern, doch sie bestimmen nicht die gesamte Unternehmensrealität. „Viele deutsche Konzerne agieren international und äußerst flexibel“, so Fischer. „Sie verlagern Produktionsanteile aus Kostengründen, nicht aus Fluchtreflex.“ Wer global verkauft, investiert nach Margen und Marktpotenzial, nicht nach Stimmungsbarometern.
Aufgehellt wird die Stimmung durch staatliche Ausgabenprogramme. Die Sondervermögen und Infrastrukturinitiativen fungieren derzeit weniger als Konjunkturimpuls, sondern als Stabilitätsanker. Sie verhindern den Absturz, ohne kurzfristig neue Wachstumsdynamik zu erzeugen. In Summe entsteht ein Bild moderater, aber robuster Anpassung – nicht von Zerfall. Das sieht auch der Internationale Währungsfonds (IWF), der seine Prognose für das reale BIP-Wachstum 2026 in Deutschland zuletzt auf rund 1,1 Prozent angehoben hat. „Das sind etwa 0,2 Prozentpunkte mehr als noch im Herbst“, so Fischer.
Bewertungen vieler deutscher Aktien spiegeln Misstrauen wider. Damit ist Pessimismus im Preis längst enthalten. Für langfristige Investoren ergibt sich daraus ein Vorteil: Märkte überzeichnen Risiken, doch Substanzunternehmen profitieren, wenn die Wahrnehmung wieder mit der Realität zusammenwächst. „Gute Investmentstrategien trennen Stimmung und Inhalt“, erklärt Fischer. Der Dax zeige, dass Investierbarkeit selbst in schwierigem Umfeld gegeben ist. „Deutschland bleibt ein anspruchsvoller, aber berechenbarer Markt – komplex, reformbedürftig, aber nicht verloren.“ Wer genau hinsieht, kann zwischen Schlagzeile und Substanz unterscheiden.