
Venezuela sorgt für Schlagzeilen – nicht nur politisch, sondern auch an den Rohstoffmärkten. Das Land sitzt auf gigantischen Ölreserven, doch seit Jahrzehnten geht es mit der Produktion bergab. Auch bei Metallen wie Bauxit, Nickel oder Gold schlummert viel Potenzial im Boden, aber wie viel genau, weiß niemand so recht.
Aber so unklar seit der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro vieles bleibt: eines scheint bereits gewiss. Die politischen Ereignisse in Caracas sind ein Testfall für einen anderen Typ von Regimewechsel. Mit der beschleunigten Energiewende und der wachsenden Bedeutung von Metallen ändern sich die alten Zusammenhänge zwischen Geopolitik, Inflationserwartungen und Zinsen.
Unser „Chart der Woche“ bringt Licht ins Dunkel: Über Jahre hinweg liefen die US-Breakeven-Inflationsraten und der Ölpreis im Gleichschritt. Sogenannte Breakeven-Inflationsraten beziffern die Zinsdifferenz zwischen inflationsindexierten und nominalen Staatsanleihen und gelten allgemein als Indikator für die Inflationserwartungen am Anleihemarkt. Interessanterweise korrelieren diese Inflationserwartungen stark mit dem Ölpreis, wie unser „Chart der Woche“ zeigt. Dass es hierbei Zusammenhänge mit Energiepreisen geben soll, ist kein Wunder. Öl schlägt direkt auf die Verbraucherpreise durch, vor allem über Energie und Transportkosten. Und: Der Ölpreis ist ein Seismograf für die Weltkonjunktur. Fällt er, wittern viele schwächere Nachfrage und erwarten niedrigere Zinsen.
So kann schon die Aussicht auf mehr venezolanisches Öl die Preise drücken – und damit die Inflationserwartungen. Aber wie der Chart auch zeigt, war die Kopplung schon in der Vergangenheit nicht immer stabil. Nicht zuletzt wesentlich dafür ist, ob die Märkte den Notenbanken zutrauen, die Inflation im Griff zu behalten.1) Gelingt das, können Zentralbanken Ölpreisschocks aussitzen – solange sie nicht zu heftig ausfallen. Deshalb schauen sie gerne auf die Kerninflation, die Energie und Lebensmittel ausklammert.
Und Metalle? Die spielen in der neuen Weltwirtschaft eine immer größere Rolle. Industriemetalle werden vor allem als Vorprodukte für Investitionsgüter genutzt. Anders als Öl wirken Metallschocks oft zäh und nachhaltig auf die Kerninflation – vor allem in Ländern, die stark in globale Produktionsketten eingebunden sind. Während Öl vor allem kurzfristig auf die Gesamtinflation wirkt, wirken Preissprünge auf Zwischengüter wie Maschinen und Elektronik – und können so die Preisdynamiken nachhaltig und auf breiter Front verändern2).
Nun sind Energie- und Rohstoffwenden selten geradlinig, wie auch die Geschichte lehrt. Der Wechsel von Walöl zu Kerosin und später zu Erdöl dauerte Jahrzehnte – mit Preissprüngen und Unsicherheit.3) „Metallschocks kommen selten im Gleichschritt, ihre Wirkung auf die Inflation ist oft kurzfristig weniger sichtbar, aber langanhaltend“, erklärt Johannes Müller, Global Head of Research der DWS. „Wer heute auf Inflation schaut, sollte nicht nur auf Öl, sondern auch auf Metalle achten, besonders wenn es um geopolitische Ereignisse geht.“