
Die Jahresausblicke 2026 sind sich generell einig: Sie vertrauen auf eine weitere Stimulierung der Weltwirtschaft durch monetäre wie fiskalische Anreize. So startet im Januar Trumps „big beautiful bill“-Gesetz, welches US-amerikanische Bürger und Unternehmen um hunderte Milliarden US-Dollar Steuern entlastet.
„Allerdings geht dies alles zulasten des finanziell bereits maximal gedehnten Staatshaushaltes“, warnt Thomas Böckelmann, Leiter Portfoliomanagement bei Dolphinvest Capital. Zwar werde dieser durch die Zolleinnahmen etwas entlastet, die verzögert eintretende Bremswirkung der Zölle dürfte aber im Verlauf an anderer Stelle belasten.
„Fiskalische Anreize werden auch in ganz Europa, in China und in Japan erwartet und das zu einer Zeit, in der die globale Wachstumslokomotive eigentlich stotterfrei läuft“, so der Experte. Wirtschaftshistoriker verweisen darauf, dass es derartig hohe Konjunkturpakete in der Geschichte lediglich bei schweren Rezessionen oder nach Kriegen gegeben habe. Im normalen Umfeld sind diese eher ungewöhnlich, sie sind aber auch Ausdruck des unbedingten Gestaltungswillens und Eingreifens von Politik in ökonomische Abläufe.
Neben den fiskalischen Maßnahmen werden weitere Zinssenkungen erwartet, die die Weltkonjunktur auch 2026 tragen sollte. Doch Böckelmann ist skeptisch: „Dabei wird ausgeblendet, dass im Zustand einer gesunden, zumindest widerstandskräftigen Wirtschaft zusätzliche Impulse für Risiken sorgen – ein erneutes Aufflackern der Inflation einerseits, die Bildung von Vermögenspreisblasen andererseits.“ Zu den größten Konjunktur-Risiken gehörten daher neben geopolitischen Verwerfungen vor allem Enttäuschungen an der Zinsfront und Zweifel um die Rentabilität überbordender KI-Investitionen.
USA: Resilienz versus Unsicherheiten
Donald Trump hat in den ersten Monaten seiner Amtszeit viel erreicht. Das Effizienzsteigerungsprogramm in der öffentlichen Verwaltung trägt erste Früchte, die Welt akzeptiert 15 %-Zölle als moderat bis normal. „Wir erleben ein historisches Ausmaß an Re-Nationalisierung und Protektionismus, das jeder belastbaren ökonomischen Theorie widerspricht“, so der Fondsmanager. Abgesehen von der sehr resilienten US-Wirtschaft, lag das annualisierte Wachstum im 3. Quartal 2025 deutlich über 4% – die Wirtschaft läuft unter Volldampf über dem langjährigen Trendwachstum. Das ökonomische Experiment wird begünstigt durch den schwachen US-Dollar und die Zinssenkungen der Notenbanken, viele Handelspartner richten sich unter dem Druck der Trump-Regierung eher US-freundlich aus. Dennoch bleiben laut Böckelmann Unsicherheiten und Fragen: „Zum einen, wer letztendlich die Zollzeche zahlen wird. Bislang scheinen viele ausländische Unternehmen die Zölle zulasten ihrer Gewinnmargen zu tragen. Das könnte sich ändern und den US-Konsumenten unter Druck setzen. Der US-Konsument, der fast 70 % zur US-Wirtschaftsleistung beiträgt erscheint ohnehin verunsichert, das gemessene US-Konsumentenvertrauen ist trotz der beeindruckenden Wirtschaftsstärke auf einem 5-Jahres-Tief.“ Einige Volkswirte befürchten die Entwicklung einer Schere, bei der die Wirtschaft vor allem durch politische Programme und KI-Investitionen wächst, Arbeitsmarkt und Konsument hingegen nicht profitieren.
Gleichzeitig steige das Inflationsrisiko. Protokolle der US-Notenbank FED offenbaren eine in diesem Ausmaß nie dagewesene Auseinandersetzung zwischen Befürwortern weiterer Zinssenkungen und Inflationsskeptikern. Auch wegen der historisch hohen Schulden steigt der politische Druck Trumps und seiner Regierung – auch persönlich und juristisch – auf die Ratsmitglieder, die Zinspolitik allein nach den Interessen der Regierung zu gestalten. „Das wäre das Ende der Unabhängigkeit der US-Notenbank und könnte zu einem tiefgreifenden Vertrauensverlust in die USA und seine Kapitalmärkte führen“, befürchtet der Experte.
Auch steht zu Jahresbeginn noch die Entscheidung des US-Supreme Court aus, ob die auf Basis von Notstandsverordnungen verhängte Zollpolitik überhaupt verfassungskonform ist. „Falls es zu einem ‚Nein‘ kommt, darf aber erwartet werden, dass sich der US-Präsident unter Drohungen darüber hinwegsetzen wird“, sagt Böckelmann.
Europa: Bürokratischer Würgegriff?
Für Europa sind die meisten Volkswirte positiv gestimmt. Der Experte dazu: „Vor allem werden die deutschen Infrastruktur- und Verteidigungsprogramme positiv erwähnt, gleichzeitig die seitens der Regierung vorgetragene Reformunfähigkeit ignoriert.“ Auch Frankreich habe zwingend erforderliche Reformen zeitlich hinter die Präsidentschaftswahl 2027 geschoben, um aktuell halbwegs handlungsfähig zu bleiben. Böckelmann weiter: „Die EU hält ihre Mitgliedsstaaten im bürokratischen Würgegriff, der Innovationen lähmt und Wohlstand nachhaltig gefährdet.“ Angesichts des Wettkampfes der Führungsnationen USA und China läge insbesondere im europäischen Binnenmarkt eine Riesenchance. Zum einen um sich unabhängiger zu machen, zum anderen um als einheitlicher Markt an politischer Macht zu gewinnen.
Die gedanklichen Vorarbeiten wurden in den letzten Jahren von Enrico Letta und Mario Draghi geleistet, die marktwirtschaftsfreundlichen Konzepte liegen allesamt auf dem Tisch. Der Fondsmanager befürchtet, dass die Lage in Europa offenbar noch schlechter werden müsse, bevor tatsächlich politische Umsetzungsimpulse gesetzt werden: „Bis dahin darf man hoffen, die reale Wirtschaft zeigt sich aber zurecht enttäuscht.“
China: Staatskapitalismus bleibt Erfolgsmodell
Über die letzten Jahre hat China seine Dominanz vor allem im Rohstoffsektor ausgebaut. Ohne Seltene Erden, deren Lieferketten zu 90 % in chinesischer Hand liegen, ist kein technologischer Fortschritt möglich. Andererseits ist China von der Zuführung vor allem US-amerikanischer Technologie im Halbleiterbereich abhängig. „Die Beziehung darf als wechselseitige Abhängigkeit beschrieben werden“, so Böckelmann. Dennoch arbeiten beide Nationen am De-Coupling, welches dramatische Auswirkung auch auf die Lieferketten in Drittregionen wie Europa hat.
Trotz technologischer Defizite habe es China geschafft, mit dem DeepSeek-Algorithmus die US-amerikanischen KI-Schwergewichte zu beeindrucken. Der Kampf um die Vorherrschaft dürfte trotz aktueller Vorteile für die USA noch nicht entschieden sein. Gleichzeitig präsentiere sich China – anders als die USA – international als verlässlicher Handelspartner. Der Experte: „Hier ist die Frage, ob man diese gewonnene Position durch zum Beispiel eine Eskalation gegenüber Taiwan gefährden will.“
Böckelmann ist für China optimistisch: „Der Staatskapitalismus Chinas, getragen durch 5-Jahres-Pläne der Kommunistischen Partei, bleibt vorerst ein Erfolgsmodell, weil die machtorientierte Wirtschafts- und Industriepolitik visionär getrieben ist und zuletzt der eigenen Wirtschaft wieder mehr Freiräume gewährt.“