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Fest verankert in der Region, offen für die Welt

Nach Finale des Lausitz Festivals: Veranstalter ziehen positive Bilanz



Ein brillantes Konzert einer Ad-hoc-Band mit Musikern aus Finnland, Israel, Polen und Deutschland bildete am gestrigen Sonntag in der Kulturweberei Finsterwalde das Finale der siebten Ausgabe des Lausitz Festivals. Das Quartett um den Trompeter und Pianisten Sebastian Studnitzky war innerhalb weniger Stunden für die US-Jazzsängerin Dee Dee Bridgewater eingesprungen, die ihr Konzert aus dringenden persönlichen Gründen kurzfristig abgesagt hatte. 


Seit dem 25. August erlebte das Publikum des Lausitz Festivals an 19 Veranstaltungsstätten in 13 Orten der Region insgesamt 33 Aufführungen von 19 unterschiedlichen Produktionen. Theater, Konzerte, bildende Kunst, Literatur, Philosophie und Diskurs prägten auch das diesjährige Programm des Festivals, das von jeher eine große Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen und Genres präsentiert. Die Auslastung lag mit 86 Prozent leicht über dem Wert des Vorjahrs (85 Prozent). Infolge des in dieser Saison spürbar knapperen Budgets gab es drei Produktionen weniger als 2025. Die absolute Besucherzahl, mit der die Festivalorganisatoren in diesem Jahr rechnen – die beiden Kunstausstellungen laufen bis in den Herbst, die Jugendtheater-Koproduktion erlebt außerhalb des Festivalzeitraums noch zwei weitere Aufführungen – liegt bei 11.500. Die Resonanz in den Medien und beim Publikum auf das diesjährige Programm war überaus positiv (Pressestimmen siehe unten). 14 der 33 Veranstaltungen waren ausverkauft.

Der künstlerische Fokus des Lausitz Festivals lag auf vier Theaterproduktionen, drei davon an Orten, an denen normalerweise nicht Theater gespielt wird. So fanden fünf umjubelte Vorstellungen von Shakespeares »Hamlet« in der Regie und einer Textfassung von Marcel Kohler mit Schauspielern wie Linn Reusse, Corinna Harfouch und Götz Schubert im Hangar 1 auf dem alten Flugplatz Cottbus statt. In der für gewöhnlich vollkommen leeren Halle und auf dem großen Vorplatz war eine imposante Bühnenwelt (Torsten Köpf) errichtet und auf zwei einander gegenüberliegenden Tribünen Platz für 350 Zuschauer geschaffen worden. Die ortsspezifische Inszenierung mit immersiven Elementen bezog ihre Relevanz auch aus dem starken Gespür für Konflikte unserer Zeit und für die Historie des Veranstaltungsorts.

Im RöderSaal in Großröhrsdorf (Westlausitz) gab es drei Vorstellungen von »Erste letzte Sekunde«, einer vergnüglichen Revue lauter absurder Gala-Shows, ungewohnt temporeich angerichtet vom Schweizer Entschleunigungsmeister Christoph Marthaler. Als Showband wirkte eine Abordnung der Symphoniker Hamburg, die das eminent spielfreudige achtköpfige Ensemble begleitete. Beim Kammerspiel »Der Ausweg« saß das Publikum in der Danner-Halle auf dem TELUX-Gelände in Weißwasser um einen riesigen Tisch von zwölf Meter Durchmesser. Auf dieser ungewöhnlichen Spielfläche verflocht ein junges Ensemble vom Max Reinhardt Seminar Wien in einer körperbetonten, akrobatischen Performance Texte Franz Kafkas miteinander (Regie: Michael Sturminger).

»gehen bleiben« schließlich brachte das Lausitz Festival erstmals zu einer Koproduktion mit dem Piccolo Theater Cottbus zusammen. Der Jugendklub des Theaters entwickelte das Spielmaterial des Stücks aus eigenen Erfahrungen. Wohin nach der Schule? Dem Fernweh folgen oder dem Gefühl, in der eigenen Stadt nicht rückhaltlos willkommen zu sein, und weggehen aus Cottbus? Oder bleiben, standhalten, die Zukunft am Ort selbst mitgestalten? Die Spielenden, textlich unterstützt von der Cottbuser Bestsellerautorin Ruth-Maria Thomas, nutzten ihr Theater als idealen Ort für die Verhandlung komplexer und brennender Gegenwartsthemen (Spielleitung: Matthias Heine).

Ebenso wie diese beeindruckende Produktion zeigte auch das Abschlusskonzert des 2024 begonnenen Projekts »Lausitzlieder«, wie Partizipation und künstlerische Einbindung der regionalen Szene zu einem wichtigen Aspekt des Lausitz Festivals geworden sind. Über zwei Jahre hinweg waren Gedichte von Autor:innen aus der Lausitz entstanden, die aus Leidenschaft und Freude schreiben. Die Texte wurden im Austausch mit Spoken-Word-Mentor:innen verfeinert und in diesem Jahr von der Singer-Songwriterin Alin Coen, dem Bassisten Haggai Cohen-Milo und der Songschreiberin und Pianistin Mika Hary zu Songs vertont. Bei einem stürmisch gefeierten Konzert im Gladhouse Cottbus gelangten diese Lieder nun mit Band zu ihrer Uraufführung. Der Erfolg legt nicht nur eine Wiederaufnahme im Jahr 2027 nahe, sondern eine Fortsetzung des ganzen Projekts. 

Weitere vom Festival angebotene partizipative Angebote – Workshops mit Laienchören in Görlitz und Forst, Kinderdarsteller aus Cottbus im »Hamlet« sowie mehrere Schulworkshops zur Inszenierung – wurden begeistert aufgenommen. Vieles im Programm befand sich unmittelbar in Resonanz mit dem Inspirationswort des Lausitz Festivals 2026, geschöpferisch. So traf beim Eröffnungskonzert in der Kirche St. Peter und Paul in Görlitz Auszüge aus der h-Moll-Messe von Bach mit dem britischen Spitzenchor Tenebrae und dem Kammerorchester Basel (Leitung: Nigel Short) auf die Uraufführung eines neuen »Credo« des französischen Komponisten Sylvain Cambreling. Zudem wurde in diesem festlichen Rahmen erstmals der neu geschaffenene Credo-Preis des Lausitz Festivals verliehen. Er gilt Persönlichkeiten aus der Kulturszene, deren vermittelndes Schaffen von einem starken Glauben an die Kraft und Notwendigkeit von Kunst für die Gesellschaft motiviert ist. Der Preis soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden. 2026 wurde er Petr Štědroň zugesprochen, der als Theaterleiter und Intendant in Prag lebt und arbeitet. Zudem übersetzt er wichtige deutsche Gegenwartsliteratur ins Tschechische.

Das (Kunst-)Wort geschöpferisch versteht sich als Ausdruck des Bewusstseins, ja, des Auftrags, in dieser Welt, in die man qua Geburt ohne eigenes Zutun hineingeraten ist, selbst schöpferisch zu handeln und sich von Irrtümern, Rückschlägen und Scheitern nicht entmutigen zu lassen.

Denn es gibt immer die Möglichkeit zu Vergebung, Veränderung und Neubeginn. Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard lieferte mit seinem »Bachkurtág« überschriebenen Rezital im lichten Kirchensaal der Brüdergemeine Herrnhut ein Paradebeispiel für den geschöpferischen Umgang mit vorhandenem musikalischen Material. Dasselbe gilt für das Trio Jokers, das mit einem energiereichen und hochvirtuosen Stilmix auf Akkordeon, E-Gitarre und Schlagzeug das Publikum in Domsdorf zu Beifallsstürmen hinriss, und für das Einspringer- Quartett beim Finale, das aus dem Stand im genauen Aufeinanderhören und gleichzeitigen Erschaffen originärer Musik zu einer staunenswerten Einheit zueinanderfand: Anders als geschöpferisch können Improvisatoren mit Vorgefundenem gar nicht umgehen. Mit Respekt vor der Überlieferung und im Bewusstsein der Freiheit, daraus Abend für Abend etwas Neues und Eigenes zu erschaffen.

In zwei separaten, jeweils musikalisch begleiteten literarischen Soireen traten Corinna Harfouch und Götz Schubert, die beiden Stars aus dem Cottbuser »Hamlet«, nach der Aufführungsserie in Brandenburg auch in Sachsen vor das Publikum. Harfouch las aus dem Roman »Das weiße Leintuch« des litauischen Autors Antanas Škėma im ausverkauften Kulturzentrum Görlitzer Synagoge, Schubert zog viele hundert andächtig Lauschende in der Dorfkirche Cunewalde mit einer eigenen Textfassung aus dem Roman »Passion« von Amélie Nothomb in seinen Bann. Literatur, ihre Entstehung und ihre Übersetzung, waren Thema zweier weiterer Abende im Lausitz Festival. Dessen neuer Dramaturg Literatur, der junge YouTuber Thoralf Czichon, befragte im Schloss Altdöbern das Übersetzer-Tandem Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein zu ihrer kürzlich vollendeten Großtat, der Neuübersetzung des polnischen 1200-Seiten-Gesellschaftsromans »Die Puppe«, zwischendurch trug die Schauspielerin Anna Thalbach einige Passagen des Romans vor. In der Energiefabrik Knappenrode führte Czichon mit der Autorin Judith Schalansky ein anregendes Gespräch über ihren Zugang zum Schreiben, bei dem minutiöses Recherchieren und das ungehinderte Wirken ihrer schriftstellerischen Intuition untrennbar miteinander verbunden sind.

Das zu Festivalbeginn über drei Tage hinweg erneut veranstaltete Lausitz Labor, die Denk- und Debattierschmiede des Lausitz Festivals, griff neben vielen anderen Themen Impulse des Inspirationsworts geschöpferisch auf. Unter Mitwirkung von Corinna Harfouch, Linn Reusse und dem Leitenden Dramaturgen Bühne des Festivals Michael Höppner fand auch der »Hamlet« seinen Weg in dieses gedankliche Erlebnisvertiefungsforum, das in der deutschsprachigen Festivallandschaft ziemlich einzigartig sein dürfte. Weitere Gäste auf dem Podium waren etwa der Historiker Götz Aly, die Literaturwissenschaftlerin Sibylle Baumbach, der Medienphilosoph Lorenz Engell und die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi. Zum von der ZEIT-Stiftung geförderten Lausitz Labor in Cottbus gesellte sich in Zittau eine weitere Ausgabe des Debattenformats Streit & Zuversicht, das ZEIT-Stiftung und Holtzbrinck Berlin gemeinsam ins Lausitz Festival einbringen.

Der Ausstellungsbereich des Festivals fokussierte sich 2026 auf einen Künstler an drei Orten: Jonathas de Andrade. Dank einer substanziellen Förderung durch die Bundeskulturstiftung boten zwei Ausstellungen und ein Filmkonzert die Gelegenheit, das Schaffen des 1982 geborenen Künstlers aus dem Nordosten Brasiliens erstmals in Deutschland angemessen und in mehreren Facetten zu präsentieren. Kuratiert von Kobi Ben-Meir, gab es insgesamt sieben Videoarbeiten zu sehen. Drei gehören zur Ausstellung »Jonathas de Andrade: Der grelle Schein der Ränder« im Neuen Schloss Bad Muskau/Muzakow, drei liefen bei einem Filmkonzert mit Live-Musik von brasilianischen Musikern in der Energiefabrik Knappenrode. Zwei seiner Filmkunstwerke zeigt das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK) / Dieselkraftwerk Cottbus. Während in Bad Muskau/Muzakow eine Foto- und einer Keramikinstallation de Andrades helfen, das Bild des Künstlers zu vertiefen, stellt die von der BLMK-Chefin Ulrike Kremeier kuratierte Ausstellung seinen Videos Zeichnungen, Fotografien und Malerei aus den Beständen des Museums gegenüber. Beide Ausstellungen laufen bis in den Herbst hinein.

Nach dem Lausitz Festival ist vor dem Lausitz Festival: Die kommende Ausgabe beginnt am Mittwoch, den 25. August 2027.

 

Veröffentlicht am: 15.09.2026

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