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Europas Gasmarkt steht vor einem heißen Winter

... von Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE

Der Gaspreis in Europa explodiert. Mit knapp 74 Euro pro Megawattstunde wurde am 2. September[1] der höchste Stand seit 2023 erreicht. Damit wurden sogar die Spitzenwerte im Zuge des USA-Iran-Konflikts im vergangenen Frühjahr übertroffen. 

Zwar haben die Preise die Rekordwerte von über 300 Euro pro Megawattstunde nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Jahr 2022 noch nicht erreicht, doch sie folgen seit Jahresbeginn 2026 einem Aufwärtstrend und übersteigen deutlich die Prognosen einiger Institutionen, die für die Inflationsbekämpfung zuständig sind, insbesondere die der Europäischen Zentralbank. Das lässt vermuten, dass die bevorstehende Inflation stärker ausfallen könnte als angenommen, wodurch auch der Druck auf die Zinsen steigt.

Diese Entwicklung ist umso beunruhigender, da sie aufgrund mehrerer Faktoren länger andauern könnte. Zunächst einmal sieht es so aus, als sei in absehbarer Zeit nicht mit einer dauerhaften Wiederöffnung der Straße von Hormus zu rechnen. Der Konflikt zwischen dem Iran und den USA hat sich im Juni nur für kurze Zeit etwas entspannt. Heute ist die Lage verfahren, da es weder erkennbare Fortschritte in den Verhandlungen noch entscheidende militärische Entwicklungen gibt. Doch das vor dem Konflikt durch die Meerenge transportierte Flüssiggas (LNG) machte etwa 20 % des Welthandels aus. Ein Teil der verlorengegangenen Menge wurde zwar durch die verstärkte Produktion in anderen Regionen der Welt ausgeglichen. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur kompensieren diese Ersatzmengen jedoch nur etwa 75 % des Verlusts. Somit herrscht auf dem seit der Energiekrise von 2022 ohnehin angespannten Markt weiterhin ein erhebliches Angebotsdefizit.

Selbst wenn die Straße von Hormus dauerhaft wieder geöffnet würde, bliebe die für den LNG-Weltmarkt so bedeutende Produktion Katars noch mindestens mehrere Monate lang eingeschränkt. Einige wichtige Anlagen, insbesondere der Komplex von Ras Laffan in Katar, die weltweit größte Verflüssigungsanlage für Erdgas, sind außer Betrieb. Eine Normalisierung dieses Industriezweigs ist vor Beginn des kommenden Winters nicht möglich.

Europas Speicher sind für den Winter zu schwach gefüllt

Zudem liegen die europäischen Gasreserven deutlich unter ihrem üblichen Niveau zu dieser Jahreszeit. Laut dem Verband Gas Infrastructure Europe (GIE), der die Daten der europäischen Gasspeicherbetreiber zentral erfasst, waren die Speicher Anfang September nur zu etwa 65 % gefüllt. Im langfristigen Durchschnitt waren es zu dieser Jahreszeit rund 88 %. Eine derart erhebliche Abweichung lässt eine äußerst angespannte Gasversorgung in diesem Winter erwarten. Dieses Defizit resultiert nicht nur aus den hohen Preisen im Jahr 2026, die für wenig wirtschaftliche Anreize zum Aufbau von Reserven sorgten. Es hängt auch zusammen mit Beschaffungsproblemen beim LNG aufgrund der Konkurrenz aus Asien und mit einem besonders heißen Sommer, der den Gasverbrauch bei der Stromerzeugung für Klimaanlagen erhöht hat. Vor allem Deutschland befindet sich in einer heiklen Lage. Denn seine Lager sind nur zu knapp über 50 % gefüllt, während die Industrie des Landes weiterhin stark vom Gas abhängig ist.

Hinzu kommt, dass die aktuelle weltweite Wetterlage diese Spannungen noch zuspitzen könnte. Der derzeit sehr starke El Niño könnte bestimmte Gebiete in der Region Asien-Pazifik erwärmen und austrocknen. Unter diesen Bedingungen würde die Wahrscheinlichkeit einer erhöhten Nachfrage aus Asien steigen, da mehr Klimatisierung benötigt würde und die Stromproduktion aus Wasserkraft möglicherweise geringer ausfallen würde als üblich. Dies könnte den weltweiten Wettbewerb um das verfügbare LNG verschärfen.

Gewinner und Verlierer eines angespannten Gasmarkts

Es gibt also zahlreiche Faktoren, die für einen sehr angespannten europäischen Gasmarkt in diesem Winter sprechen. Hinzu kommen eine voraussichtlich steigende Inflation und ein Rückgang der Industrieproduktion. Zwar würden bestimmte Sektoren von diesen Entwicklungen profitieren, darunter Kernkraft, erneuerbare Energien, Unternehmen im Bereich Elektrifizierung sowie US-Produzenten von LNG. Andere europäische Sektoren, die sich bereits in einer schwierigen Lage befinden, insbesondere die Chemie-, Düngemittel- und Stahlindustrie, würden jedoch darunter leiden.

Abgesehen vom Inflationsrisiko geht es also auch um die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Während die USA von Selbstversorgung im Bereich Gas profitieren, ist Europa weiterhin stark von LNG-Importen abhängig. Ein anhaltender Unterschied bei den Energiepreisen zwischen Europa und den USA wird die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie belasten.

Europa konnte die Energiekrise von 2022 nur mit Mühe und Not bewältigen. Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass es sich gegen eine mittelfristige Deklassierung seiner Industrie wehren kann, wenn die Gaspreise auf einem hohen Niveau bleiben und viele Fabriken weiterhin so abhängig sind. Ungeachtet der Temperaturen steht uns in Sachen Energieversorgung also ein heißer Winter bevor – eine neue Bewährungsprobe für die Wettbewerbsfähigkeit Europas.

 

Veröffentlicht am: 08.09.2026

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