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US-Midterms: Stillstand in Washington, aber Entlastung an der Wall Street

Ein Marktkommentar von Jens Klatt, Analyst beim Online-Broker XTB



Wenn die USA am 3. November über die Zusammensetzung des Kongresses abstimmen, richtet sich der Blick der Märkte nicht nur auf die Sitzverteilung. Entscheidend ist auch, welchen wirtschaftspolitischen Spielraum das Ergebnis der Regierung lässt. 



Wenn die USA am 3. November über die Zusammensetzung des Kongresses abstimmen, richtet sich der Blick der Märkte nicht nur auf die Sitzverteilung. Entscheidend ist auch, welchen wirtschaftspolitischen Spielraum das Ergebnis der Regierung lässt. Für Anleger könnte dabei ausgerechnet ein politisches Patt die günstigste Konstellation sein: Gewinnen die Demokraten das Repräsentantenhaus, während die Republikaner ihre Mehrheit im Senat verteidigen, werden tiefgreifende Änderungen der Steuer-, Haushalts- und Regulierungspolitik schwieriger.

Was erstmal nach Stillstand klingt, könnte an der Börse für Entlastung sorgen. Denn Unternehmen bewerten politische Handlungsfähigkeit nicht automatisch positiv, sondern schätzen vor allem berechenbare Rahmenbedingungen. Ein geteilter Kongress würde größere Gesetzesvorhaben auf Kompromisse zwingen und abrupte Kurswechsel auf demokratischer wie republikanischer Seite erschweren. Damit könnte nach den Zwischenwahlen wieder stärker in den Vordergrund rücken, was Aktienkurse langfristig bestimmt: Gewinne, Margen und Investitionen.

Politische Blockade schafft Berechenbarkeit

Das Repräsentantenhaus besitzt bei Steuer- und Ausgabenvorlagen eine zentrale Stellung. Übernehmen es die Demokraten, könnten sie wichtige innenpolitische Vorhaben der Regierung blockieren. Ein republikanisch kontrollierter Senat wiederum könnte Gesetzesvorlagen der Demokraten stoppen. Der Präsident behielte zwar weitreichende Befugnisse in der Außen- und Handelspolitik, für größere innenpolitische Reformen müsste das Weiße Haus jedoch Mehrheiten über die Parteigrenzen hinweg organisieren.

Für den Aktienmarkt begrenzt eine solche Konstellation vor allem das Risiko einer grundlegenden Reform der Unternehmensbesteuerung. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit neuer umfangreicher Konjunkturpakete. Das spricht zum einen zwar für politische Berechenbarkeit, aber hindert womöglich auch stärkeres Wirtschaftswachstum. Ein geteilter Kongress wäre daher nicht zwangsläufig ein Kaufsignal für Anleger, er würde lediglich einen Teil der politischen Unsicherheit aus den Bewertungen nehmen.

Davon könnten insbesondere große Technologieunternehmen profitieren. Bei ihnen würde sich die Aufmerksamkeit stärker auf die Nachfrage nach Cloud-Infrastruktur, Unternehmenssoftware, Cybersicherheit und Anwendungen künstlicher Intelligenz verlagern. Weniger politischer Gegenwind verbessert jedoch nicht automatisch die Geschäftszahlen. Hohe Investitionen müssen sich weiterhin in steigenden Umsätzen und belastbaren Margen niederschlagen, auch anspruchsvolle Bewertungen verschwinden nicht nach den Midterms.

Der Kongress kann Trump bremsen, aber politisch nicht neutralisieren

Die Hoffnung auf politische Ruhe hat zudem klare Grenzen. Ein gespaltener Kongress könnte die Regierung bei Steuern und Staatsausgaben einengen, nicht aber sämtliche wirtschaftspolitischen Risiken beseitigen. Die Exekutive würde weiter ihren Einfluss auf die Handels- und Außenpolitik behalten. Zölle, geopolitische Konflikte und regulatorische Entscheidungen könnten die Märkte daher weiterhin bewegen. Gerade für international ausgerichtete US-Konzerne bleibt die Handelspolitik ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor. Ein Unternehmen kann von stabileren steuerlichen Bedingungen profitieren und zugleich unter neuen Zöllen, höheren Einfuhrkosten oder gestörten Lieferketten leiden. Wer einen geteilten Kongress pauschal als Entwarnung interpretiert, unterschätzt deshalb die Macht des Präsidenten und die Abhängigkeit der Unternehmen von der Weltwirtschaft.

Auch in der Regulierung wäre kein vollständiger Stillstand zu erwarten. Zwar würden weitreichende Gesetzesvorhaben schwieriger, doch Behörden und Exekutive könnten ihre bestehenden Befugnisse weiterhin nutzen. Für Technologie-, und Finanzunternehmen wäre die politische Lage insgesamt berechenbarer, aber keineswegs risikofrei.

Nach der Wahl zählen wieder Gewinne und Zinsen

Die Börsengeschichte spricht zunächst für Erleichterung nach den Midterms. In den 19 Wahlzyklen seit 1950 stieg der S&P 500 in den 120 Handelstagen vor der Abstimmung im Durchschnitt lediglich um 1,1 Prozent. In den folgenden 120 Handelstagen betrug das Plus durchschnittlich 13,0 Prozent. In sämtlichen 19 Fällen stand der Index sechs Monate nach der Wahl höher als am Wahltag. Zugleich ging die Schwankungsintensität meist zurück: Seit 1990 lag der Volatilitätsindex VIX in acht von neun Wahlzyklen nach 120 Handelstagen niedriger, im Mittel um 5,5 Punkte.

Diese Bilanz liefert allerdings keine Blaupause für die kommenden Midterms. Bereits vor der Wahl entwickelt sich der Markt stärker als in früheren Zwischenwahljahren. Zu Beginn der letzten Wochen vor der Abstimmung lag der S&P 500 gegenüber dem Beginn des untersuchten Zeitraums rund 5,6 Prozent im Plus. Der historische Durchschnitt für diesen Zeitpunkt betrug minus 2,0 Prozent. Gleichzeitig war der VIX um rund 3,2 Punkte gefallen. Ein Teil der sonst nach der Wahl beobachteten Entspannung könnte somit bereits vorweggenommen sein.

Vor allem erklärt die Statistik nicht, weshalb genau die Kurse nach einer Wahl steigen, denn häufig reagieren die Märkte weniger auf den Sieger als auf das Ende der Ungewissheit. Sobald das Ergebnis feststeht, verschiebt sich der Fokus zurück auf die Geldpolitik der US-Notenbank, die Konjunktur und die Unternehmensgewinne. Historische Mittelwerte können diesen Zusammenhang zwar veranschaulichen, aber keine triftigen Gründe für zukünftige Wertentwicklung vorhersagen.

Stillstand birgt ein ganz eigenes Risiko


Ein geteilter Kongress kann politische Eingriffe erschweren, er kann aber auch notwendige Entscheidungen verzögern. Besonders deutlich könnte sich das bei den jährlichen Haushaltsverhandlungen zum Ausdruck bringen. Wenn das möglicherweise demokratisch kontrollierte Repräsentantenhaus und der republikanische Senat keine Einigung erzielen, droht ein längerer Regierungsstillstand. Aus der vom Markt erhofften Berechenbarkeit könnte dann neue Unsicherheit entstehen.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem für die Börse günstigen Kräftegleichgewicht und einer politischen Lähmung. Solange das Patt weitreichende und überraschende Gesetzesänderungen verhindert, dürften Anleger es eher begrüßen. Blockiert es jedoch Haushaltsbeschlüsse und verschärft den Streit über die Staatsfinanzen, könnte die Stimmung rasch kippen. Das wahrscheinlich wichtigste Ergebnis der Zwischenwahlen ist daher womöglich keine neue politische Richtung, sondern eine Verschiebung der Aufmerksamkeit. Insgesamt betrachtet könnte ein geteilter Kongress die Regierung bremsen und den Unternehmen kurzfristig mehr Planungssicherheit geben, danach müssen sie aber wieder selbst über stabile Quartalszahlen liefern.

 

Veröffentlicht am: 31.10.2026

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