
Wie schnell sich die ökonomischen Rahmenbedingungen doch ändern können! Bei der EZB-Sitzung im September stand noch der sich weiter verschlechternde Inflationsausblick im Mittelpunkt, nachdem die Inflationsprognosen nach oben korrigiert worden waren. Nun kommen ungünstigere Finanzierungsbedingungen hinzu, die nicht allein auf die Entwicklung am französischen Rentenmarkt zurückzuführen sind.
In den kommenden Monaten dürfte die Inflationsrate weiter auf mindestens vier Prozent steigen. Auch wenn sich der zugrunde liegende Inflationstrend derzeit nicht verbreitert, könnten sich allein aufgrund der Dauer des Energiepreisschocks Zweitrundeneffekte entwickeln. Wachsamkeit vonseiten der EZB bleibt daher geboten. Andererseits dürften die ungünstigeren Finanzierungsbedingungen vor allem in der Bauwirtschaft, aber auch bei den Investitionen, negative Spuren hinterlassen. Zudem könnte ein weiterer zügelloser Anstieg der Renditen in Frankreich Fragen zur Finanzstabilität aufwerfen.
Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage werden die Leitzinsen im Oktober voraussichtlich unverändert bleiben. Zwar hat die EZB weiterhin einen „Tightening Bias“, der Ton wird jedoch voraussichtlich deutlich vorsichtiger ausfallen. Fragen zur Situation in Frankreich dürften die Pressekonferenz bestimmen. Dabei dürfte EZB-Präsidentin Lagarde an ihrer bisherigen Linie festhalten. Die Ausweitung der Renditedifferenzen sei auf die fiskalischen Probleme Frankreichs zurückzuführen. Die EZB verfüge jedoch über Instrumente, die sie notfalls einsetzen könnte, falls es zu Ansteckungseffekten auf andere Länder oder Marktsegmente käme, die eine effiziente Transmission der Geldpolitik beeinträchtigen würden. In diesem unsicheren Umfeld ist eine abwartende Haltung sicherlich die angemessenste Option.