
„Meine Erklärung war ganz einfach und einleuchtend genug – wie die meisten falschen Theorien“, sagt der Zeitreisende von H. G. Wells über seine erste Deutung einer dystopischen Zukunft.[1]
Ähnlich könnten sich viele US-Unternehmen zuletzt verschätzt haben: Trotz künstlicher Intelligenz (KI) brauchen sie weiterhin viele Menschen.[2] Denn technischer Fortschritt verringert nicht einfach den Bedarf an menschlicher Arbeit. Er verändert auch, welche Tätigkeiten gefragt sind. Darauf deuten nicht nur ökonomische Theorien, sondern auch jüngste US-Daten hin.
Unser Chart of the Week kombiniert die Veränderungen bei Beschäftigung und offenen Stellen gegenüber dem Vorjahr. Zusammengenommen weisen beide Reihen auf einen Anstieg der privaten Arbeitsnachfrage um fast eine Million Stellen hin. Die Unterschiede zwischen den Branchen waren allerdings groß. Die stärksten Zuwächse verzeichneten Bildung und Gesundheit, unternehmensnahe Dienstleistungen sowie Handel, Transport und Versorger. Im Finanz- und Informationssektor sowie beim Staat ging die Nachfrage zurück.
Andere Daten zeigen seit Mai 2025 einen Beschäftigungszuwachs von fast 11 Prozent im Sozialwesen und rund 5 Prozent im Gesundheitswesen. In der privaten Bildung blieb die Beschäftigung weitgehend stabil. Dieses Muster passt zu Baumols Kostenkrankheit.[3] Der Kerngedanke: Bei manchen Tätigkeiten ist menschliche Mitwirkung ein wesentlicher Teil dessen, was Kunden schätzen. Eine Lehrkraft kann nicht immer mehr Schüler unterrichten, eine Pflegekraft nicht immer mehr Menschen versorgen, ohne dass die Qualität leidet. In der verarbeitenden Industrie lässt sich dagegen mit besseren Maschinen und weniger menschlicher Arbeit mehr produzieren.[4]
Steigt die Produktivität in der Industrie, profitieren davon auch die Beschäftigten – und zwar nicht nur dort. Höhere Industrielöhne setzen andere Branchen unter Zugzwang. Auch Schulen, Pflegeeinrichtungen und andere arbeitsintensive Dienstleister müssen mehr zahlen, um Personal zu gewinnen und zu halten. Sie müssen also die Löhne erhöhen, obwohl ihre Produktivität langsamer wächst. Bleiben diese Leistungen in einer wohlhabenderen Gesellschaft gefragt, steigen daher nicht nur ihre relativen Kosten. Auch ihr Anteil an den Ausgaben und an der Beschäftigung kann zunehmen. Langfristig kann die Beschäftigung daher gerade dort am stärksten wachsen, wo die Produktivität am langsamsten steigt.
„Die ersten Anzeichen sprechen für Produktivitätsgewinne bei einzelnen Tätigkeiten, nicht für ein gesamtwirtschaftliches Produktivitätswunder“, erklärt Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA, DWS. Um KI sinnvoll einzusetzen, brauchen Unternehmen weiterhin Menschen. Das könnte eine breite Verdrängung von Arbeitskräften begrenzen. Noch können Unternehmen allerdings kaum abschätzen, wie weit dieser Effekt reicht.[5] „Wichtiger ist, dass KI wie frühere Technologien die relativen Preise verändern dürfte. Dadurch würde sich Arbeit zu Gütern und Dienstleistungen verlagern, die weiterhin gefragt, aber nur schwer zu automatisieren sind.“
Die Daten sind ein Indiz, kein Beweis. Neben KI beeinflussen viele andere Faktoren den Arbeitsmarkt. Vorerst dürften politische und demografische Entwicklungen, darunter Alterung und Migration, die Beschäftigung im Gesundheitswesen stärker prägen als der von Baumol beschriebene Mechanismus. Dennoch wirken dystopische Prognosen, wonach Maschinen den Menschen die Arbeit nehmen, zunehmend zu einfach. Theoretisch überzeugen sie ebenso wenig wie mit Blick auf die ersten empirischen Hinweise.
1 Wells, H. G. (1895) The Time Machine, Kapitel VI, „The Sunset of Mankind“.
2 Siehe beispielsweise: Wall Street Journal, 26. Juli 2026, „Big Companies Are Starting to Hire Again, Defying Predictions of AI Wipeout“.
3 Baumol, W. J. (1967) „Macroeconomics of Unbalanced Growth: The Anatomy of Urban Crisis.“ American Economic Review 57, Nr. 3, pp: 415–426.
4 Ein klassisches Beispiel Baumols ist die Aufführung von Musik vor Publikum. Wie frühere Technologien dürfte auch KI die Grenze zwischen Tätigkeiten mit schnellerem und langsamerem Produktivitätswachstum verschieben. Baumols Logik gilt jedoch weiter, solange es musikalische Tätigkeiten gibt, bei denen das Publikum menschliche Mitwirkung schätzt. Siehe: Baumol, W. J. und Bowen, W. G. (1966) Performing Arts: The Economic Dilemma. Twentieth Century Fund; sowie Krueger, A. (2019) Rockonomics: What the Music Industry Can Teach Us about Economics (and Our Future). John Murray.
5 KI-gestützte Prognosen oder Programmierung können beispielsweise den Wert ergänzender menschlicher Urteilskraft erhöhen. Bis Unternehmen und Beschäftigte gelernt haben, solche Möglichkeiten voll auszuschöpfen, dürfte jedoch Zeit vergehen. Siehe beispielsweise: Agrawal, A., Gans, J. und Goldfarb, A. (2022) Prediction Machines, Updated and Expanded: The Simple Economics of Artificial Intelligence. Harvard Business Review Press.