
Entsprechend den Marktpreisen erwarten wir, dass die EZB bei ihrer Sitzung im Juni die Zinsen anheben und den Leitzins auf 2,25 Prozent erhöhen wird. Die EZB hat proaktiv Forward Guidances gegeben und dabei auf das zunehmende Risiko einer Erwartung höherer Inflationserwartungen im Markt hingewiesen.
Diese Sichtweise ist im EZB-Rat nicht einstimmig, da die Entscheidungsträger die Fehler des Zyklus 2022/23 gegen die sich abschwächenden Wachstumsaussichten abwägen müssen. Was die bis zum Jahresende eingepreiste kumulative Zinsanhebung von 65 Basispunkten betrifft, halten wir die Marktpreisbildung für recht aggressiv und erwarten eher eine abwartende Haltung.
Wir gehen davon aus, dass die EZB ihre Inflationsprognose im Juni nach oben korrigieren wird. Während die Erwartungen auf Jahressicht bei vier Prozent geblieben sind und der anfängliche Rohstoffschock überwunden ist, rücken nun Effekte zweiter und dritter Ordnung in den Vordergrund. Der Ton der Pressekonferenz und etwaige Änderungen der Prognosen werden für die Marktteilnehmer entscheidend sein.
Die europäische Wirtschaft befindet sich weiterhin auf Messers Schneide, mit einem bereits schwachen Wachstums- und Produktivitätshintergrund, einem begrenzten Anteil am globalen KI-Thema sowie einer höheren Rohstoffpreissensitivität. Wie wir bereits im letzten Jahr erörtert haben, haben sich die Auswirkungen der europäischen fiskalischen Konjunkturmaßnahmen nur begrenzt durchgesetzt. Auch wenn die Energiepreise im Vergleich zum Vormonat gesunken sind, bleibt der Energiesektor eine Herausforderung für die europäische Wirtschaft, da wir uns der Sommersaison nähern, in der die Gastanks aufgefüllt werden müssen. Jede positive Nachricht auf geopolitischer Ebene dürfte zwar kurzfristig für eine Stimmungsaufhellung sorgen, doch aus Wachstumssicht bleibt das langfristige Umfeld für die Region schwierig.