Trotz des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten und der weiterhin blockierten Straße von Hormus zeigen sich die globalen Aktienmärkte bemerkenswert widerstandsfähig. Der S&P 500 und zahlreiche asiatische Indizes markierten in den letzten Wochen sogar mehrfach neue Allzeithochs.
Aus Sicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, erscheint diese Entwicklung auf den ersten Blick sehr erstaunlich, da es bisher trotz Verhandlungen nicht gelungen ist, die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr wieder zu öffnen. Es gebe jedoch drei gute Gründe für die Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte. Der Ökonom warnt aber zugleich davor, die vermeintliche Stärke der Märkte als gesichert zu betrachten. „Eine gute Balance zwischen dem aktuellen Wachstumsversprechen an den Aktienmärkten und krisenfesteren Positionen auf der Anleihenseite bleiben das Gebot der Stunde", erklärt Galler.
Erstens: Geopolitischer Gewöhnungseffekt stützt Risikobereitschaft
Ein zentraler Grund für die relative Ruhe an den Börsen liegt laut Tilmann Galler in einem Gewöhnungseffekt der Anlegerinnen und Anleger gegenüber geopolitischen Risiken. Weder Trumps große Ankündigung umfangreicher Strafzölle noch die Grönland-Ambitionen hätten zu nachhaltig negativer Wertentwicklung geführt. Im Gegenteil: Temporäre Schwächephasen würden verstärkt zu Nachkäufen genutzt. „Eine drastische Anpassung einer Position entweder am 'Tag der Befreiung', als Präsident Trump hohe Gegenzölle ankündigte, oder aufgrund von Trumps Ambitionen, Grönland zu erwerben, hätte sich im Nachhinein als unangebracht erwiesen", sagt Galler.
Zweitens: Märkte preisen Inflationsdruck stärker ein als Wachstumssorgen
Die Märkte hätten den erwarteten Aufwärtsdruck auf die Inflation stärker eingepreist als den erwarteten Abwärtsdruck auf das Wachstum. „Wir haben gesehen, dass sich zyklische Sektoren wie Industrie und Grundstoffe im Vergleich zu defensiven Sektoren gut gehalten haben", sagt Galler. Kupfer und Währungspaare wie AUD/USD hätten ebenfalls besser abgeschnitten, als es normalerweise in risikoarmen Zeiten der Fall sei. Typische sichere Häfen hingegen wie Gold, Schweizer Franken, Yen und Staatsanleihen, entwickelten sich schlechter, als es ihre historische Entwicklung hätte vermuten lassen.
Die Erwartungshaltung auf einen nur moderat negativen Wachstumseffekt werde dabei durch die Überzeugung gestützt, dass es in den nächsten Wochen gelänge, die Straße von Hormus zu öffnen. In diesem Szenario sollten nach Ansicht von Tilmann Galler die weltweiten kommerziellen und strategischen Öl- und Treibstoffreserven in der Lage sein, die negativen Effekte des Ausfalls von aktuell 14 Prozent der Öllieferungen abzumildern. „An den Aktienmärkten wird zudem freudig zur Kenntnis genommen, dass zusätzliche Staatsausgaben in Verteidigung und zur Begrenzung des Treibstoffkostenanstiegs die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stützen“, führt Galler aus. Losgelöst von den Energiesorgen setze sich der Investitionsboom in Infrastruktur und Technologie der Künstlichen Intelligenz fort, mit weiteren positiven Wachstumsimpulsen für die Wirtschaft.
Drittens: Positive Wirtschaftsdynamik und Gewinnsprung im Energiesektor
Als dritten Aspekt sieht Galler die positive wirtschaftliche Dynamik vor Beginn der Krise. „In den meisten Aktienregionen wurden die Gewinnerwartungen nach oben korrigiert. Grundsätzlich kommt eine moderat höhere Inflation den Aktien zugute, da Unternehmensumsätze in nominalen Zahlen ausgewiesen werden“, sagt der Kapitalmarktexperte. Bemerkenswert ist laut Galler, dass seit Ausbruch des Konflikts die Gewinnerwartungen der Unternehmen für das Jahr 2026 nochmals nach oben revidiert wurden. Besonders ausgeprägt sei dies beim Energiesektor: Aufgrund des gestiegenen Ölpreises werde dort ein Gewinnsprung von über 40 Prozentpunkten erwartet, und damit ein ähnlich hohes Gewinnwachstum wie für Technologieunternehmen in den USA und Asien.
Dennoch mahnt Galler zur Vorsicht: Die vermeintliche Stärke der Aktienmärkte könne trügerisch sein – nämlich dann, wenn es nicht gelänge, die Straße von Hormus wieder zu öffnen. „Wie eine Sanduhr verrinnen täglich die weltweiten Öl- und Treibstoffreserven", sagt der Stratege. Sollte sich der Schiffsverkehr in den nächsten vier Wochen nicht normalisieren, drohten im Spätsommer erhebliche Engpässe, nicht nur bei Treibstoffen, sondern auch bei chemischen Produkten, Dünger und Helium, mit Folgen für Kunststoffproduktion, Ernten und die Chipfertigung. Obwohl die rationalen Argumente weiterhin für eine zügige Öffnung des Schiffswegs sprächen, sollte das Restrisiko einer weltweiten Energiekrise nicht ignoriert werden.