Schwellenländer haben in kurzer Folge zwei Stresstests bestanden: einen Handelsschock und einen Energieschock. Was unter früheren Rahmenbedingungen oft zu massiven Kapitalabflüssen, Währungsdruck und Kursrückschlägen führte, hat dieses Anlageuniversum bemerkenswert stabil überstanden. Für Anleger sollte die jüngste Outperformance daher weniger ein Rätsel als ein Signal sein: Sie bestätigt einen tiefgreifenden Wandel, der seit Jahren im Gang ist.
Weshalb Schwellenländer heute anders sind
Viele Investoren verknüpfen Schwellenländer noch immer mit der Logik von vor zehn oder 20 Jahren: hohe Abhängigkeit vom westlichen Konsum, anfällige Zahlungsbilanzen, schwache Institutionen und ein Anlageuniversum, das vor allem von Rohstoffen und einfachen Fertigwaren geprägt ist. Genau diese Auffassung greift zunehmend zu kurz.
Das zeigt auch die Entwicklung an den Börsen: Seit Anfang 2025 haben Schwellenländeraktien den Weltaktienindex MSCI World um rund 15 Prozent übertroffen, und zwar trotz des erwähnten Zollschocks von 2025 und eines anhaltenden Konflikts im Nahen Osten. Die Volatilität blieb bemerkenswert gering, die Kapitalflucht begrenzt und die Währungen weitgehend stabil
Der Grund: Heute stützen sich zahlreiche Emerging Markets stärker auf Binnennachfrage, auf regionalere Lieferketten und auf Handel zwischen Schwellenländern. Das kann externe Schocks abfedern und verringert die Abhängigkeit von einzelnen Wachstumsmotoren. Zudem haben solidere makroökonomische Rahmenbedingungen und der Ausbau lokaler Kapitalmärkte die Sensitivität gegenüber abrupten, ausländischen Kapitalbewegungen reduziert.
Parallel dazu gewinnt eine Welle von Corporate-Governance-Reformen an Fahrt und schrumpft den historischen Qualitätsabschlag auf Unternehmensebene, etwa durch stärkeren Fokus auf Kapitaldisziplin, Aktionärsrenditen und transparente Strukturen.
Themen und Branchen, die in EM derzeit besonders interessant sind
Der nächste Zyklus wird nicht primär über „Länderwetten“ entschieden, sondern über die Auswahl von Branchenführern in strukturellen Gewinnerfeldern. Drei miteinander verknüpfte Themen sind dabei zentral:
KI-Infrastruktur und Investitions-Superzyklus: Profiteure sind Anbieter entlang der Wertschöpfungskette, von hochentwickelten Halbleitern und Hardware bis zu Rechenzentrums- und Netzwerkinfrastruktur. Entscheidend sind Unternehmen mit Preissetzungsmacht und klarer Rolle in kritischen Lieferketten.
Elektrifizierung und Energiesouveränität: Der steigende Strombedarf digitaler Anwendungen trifft auf politische Prioritäten rund um Versorgungssicherheit. Das stützt Investitionen in Netze, Energieausrüstung, Speicher und ausgewählte Transformationsmaterialien.
Corporate Governance als Werttreiber: Reformprogramme in den Schwellenländern können Kapitalrenditen verbessern und Aktionärswert freisetzen. Das ist insbesondere dort der Fall, wo Verwässerungstrends zurückgehen und Ausschüttungen bzw. Rückkäufe an Bedeutung gewinnen.
Trotz aller positiven Entwicklungen bleiben Schwellenländer ein heterogenes Anlageuniversum. Umso wichtiger ist es für Anleger, nach klaren Kriterien zu investieren und die Risiken aktiv zu steuern.
Konkret bedeutet das: Die Qualität von Unternehmen (ROIC, Bilanzstärke, Corporate Governance) und die Resilienz des Geschäftsmodells sollten Vorrang vor reinen Makro-Narrativen haben. Da Wechselkurse und Marktvolatilität kurzfristig dominieren können, ist ein angemessener Zeithorizont und gute Diversifikation bei der Anlage in Schwellenländern entscheidend. Und schließlich sollten Politik- und Liquiditätsrisiken bei der Portfoliokonstruktion und den Positionsgrößen nicht vernachlässigt werden.
Generell jedoch haben Schwellenländer eine strukturelle Widerstandsfähigkeit erreicht, die vor einem Jahrzehnt noch undenkbar gewesen wäre. Das Risiko einer Unterallokation in Schwellenländeranlagen ist deshalb unseres Erachtens nach deutlich höher als das Risiko einer Überallokation. Die Märkte haben das Kapitel Schwellenländer in vielen Köpfen bereits umgeschrieben. Anleger sollten das ebenfalls tun und das Universum über die Themen und die Qualitätsführer des nächsten Zyklus erschließen.